Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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ü^/tee ist von je und je empfunden worden: daß unser empirisches 
Ich, wie es aus den Stücken der Stunden seine Tage zusammen 
setzt, vielfältig, zufällig, dem Schicksal preisgegeben, bloß wirk 
lich — daß dies nicht unser ganzes Sein ausmachen kann. Irgend 
etwas muß da sein, gleichviel welchen Wesens, das für uns als 
Idee, Forderung, metaphysische Mächtigkeit lebt und jenem Zer- 
spaltnen, Fragmentarischen Einheit gäbe, Notwendigkeit und Sinn. 
Dieses Etwas ist nun aber doch unser eigenes eigentliches Ich, im 
Gegensatz zwar gegen jenes empirische Sein, ist unser tiefstes Sein 
selbst, und grade weil es in solchen Grundtiefen unter jenem liegt, 
befähigt, über ihm zu stehn, als sein Gesolltes, sein Wert und Ideal. 
Das „reine" Ich nennt es Fichte, d. h. dasjenige, was wirklich nur 
Ich ist, dem nichts Fremdes, Schicksalsmaßiges, bloß Partielles 
einwohnt; und dem es Aufgabe ist, das äußerliche, tägliche, so und 
so aussehende Ich zu vernichten, indem es durch dieses gleichsam 
hindurchwachst; so daß Sittlichkeit ihm nichts anderes ist, als daß 
„das empirische Ich vermöge einer unendlichen Annäherung in das 
reine Ich zurückgeht". 
Das Abstruse verschwindet aus diesem Ausdruck einer ewigen 
Wahrheit, indem wir ihre Verwirklichung erleben: in dem Soldaten, 
der sich in Freiheit opfert, ist das empirische Ich überwunden und 
vernichtet von dem reinen, alles Zufalls und alles äußerlich Be 
stimmenden entledigten Ich. Und dieses ist, wie es Fichte verlangte, 
nicht eine einseitig charakterisierte, zufällig so und so gefärbte In 
dividualität, sondern, obgleich und weil der tiefste Grund der 
Persönlichkeit, ein Übereinzelnes, in der gleichen Wurzelschichr eines 
Jeden -Lebendes. Denn wie sollte es kein Allgemeines sein, wie 
sollte es die bloße Individualität nicht übergreifen, da es sich mit 
seinem Opfer doch Ln das Allgemeine grade einfchmilzt und auflöst? 
Was man von den Rämpfern unzähligemal hört und was auch 
unausgesprochen als ihre seelische Verfassung hervorleuchtet: ein 
völliges Sich-selbft-Vergessen und zugleich ein unerhört gesteigertes 
Gefühl seiner selbst — ist die Verwirklichung jenes Fichteschen Bildes 
der „Sittlichkeit". Im „reinen Ich" vollzieht sich das Wunder, daß 
der tiefste Rern der Persönlichkeit Eines ist mir einem Allgemeinen,
	        

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