Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Welt hin, und der Tod und Teufel zu gewohnten Gefährten hat. Der Kriegs- 
mann, der keine Sache auf Behagen gestellt hat, und einzig in unendlicher 
ewiger Gefahr unendlich stille feststeht. Hier ist die Substanz des Krieges. 
Hitze vor der am ehesten zerbrennt was am entzündlichsten — die Welt von 
Stroh, weil es so viel Stroh gibt, einzig darum dies Sengen; die granitne 
Welt verlodcrt nicht, die erglüht nur. So wie in den lichtlosen verborgenen 
Katodenstrahlcn gemeine fahle Schlackenftücke in zauberisch eigenem unerborgrem 
Licht aufschimmern. „(Zuiäqulä latet apparebit.". „was verborgen — muß 
erscheinen." Hier wieder ist die Substanz des Krieges. 
Vor diesem tausendjährigen Kriegsreich erscheint der Staaten Kampf dieser 
Wochen fast gering. Und doch wird auch diese Flut nicht allzu bald ebben. 
Denn dies alles ist nicht Spannung, die zwischen fester Mächte-Konstellation 
sich entladet, und dann vorbei. Es ist gerade Lösung aller festen Konstellation. 
So ist es nicht der Ausbruch der Feindschaft zwischen Deutschland und Frank 
reich, es ist das letzte Ende uralter Fehde. Es ist so nicht europäischer Krieg, 
es ist Krieg um Asien, Krieg auch um jenes zentrale Asien, das stets der Ouell 
der Völker-Erneuerung war. Osten und Westen werden die Plätze tauschen. 
Der kontempliercnde ferne Osten wird in Tat fortgerissen, und abendländisches 
Tun in neues Schauen. Und Revolutionen werden rasen, und cs wird Ent 
scheidung fallen über den großen Prüfstein der Menschenkultur, das Kapital. 
Das Ende jenes Menschen hat begonnen, der rechnet, weil er in seiner Arm 
seligkeit rechnen muß. Der die tönende heilige Zahl des Pythagoras in Pfen 
nige ausgemünzt hat. Der Quantitative, der „im Raum gekreuzigte Mensch" 
(gnostisch gesprochen). Davon der englische Mensch die reinste Ausprägung ist. 
Und so ist es Krieg gegen das englische, das neu-römische Impirium, das ewig 
zu zerschmettern ewig germanische Sendung ist. 
Durch solche Wirrnis für Jahrhunderte dringt aber zu uns ein Gesicht. 
Unsichtbar für die „Intelligenz", für die Gelehrten, die Sublimen, und die 
Ueberraschten, wenig gefaßt und unvorbereitet, da sie ja stets ohne Tod und 
Teufel ihren weg machten, und nach wortlosem erstem Schreck allzu schnell, 
und wieder ohne Tod und Teufel, altgewohntes Gerede machen. Aber in den 
Lazarettzügen mit den Heimgekehrten, da überschattet gewaltig dies Gesicht 
die Gesichter und überall dringt der gleiche Ausdruck aus den riesenwciten 
Augen, die gesehen haben und noch sehen, bis sie in den albernen Straßen 
der Stadt wieder klein und eng werden. Das ist das Gesicht des Krieges 
selbst, die nackte Substanz des Krieges, die mehr hervortritt als in Kriegen 
von früher, welche ganz zweck-umdunkelt waren, während der Zweck heute 
beinahe hinter dem Krieg zurücksteht. So wie aber die Urvölker Wetter und 
wild beherrschten, indem sie das Bild davon in ihre geheimen Höhlen malten, 
so wird die Macht des Krieges gebrochen sein, wenn wir sein Gesicht abge 
bildet haben. An diesem Tage werden wir zu Gebietern über den Krieg. 
Erich Gutkind
	        

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