Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Messias in seinem eigenen Haus verkommen, als daß er es versäumt hätte, 
dem geringsten Apostel aus der Fremde Ehre zu bezeigen. 
Unsere Verteidigung liegt in unsrer Art zu leben, zu denken, zu empfinden 
und zu dienen. Jene aber kennen uns nicht, das ist es; sie wissen nichts von 
uns. Sie haben uns nur ausgespäht, aber sie haben sich nie um uns bemüht, 
wir hingegen haben von ihnen und bei ihnen gelernt; wir haben ihren Dichtern 
Bürgerrecht verliehen, ihren schöpferischen Genien im Ueberschwang gehuldigt, 
ihre Vergangenheit studiert, ihre Bräuche geachtet, sogar ihre Moden nachgeahmt. 
Sie kennen unsere Geschichte nicht, unsere Sitten nicht, unsere Sprache nicht, 
wissen nichts von unserer Arbeit, von unsern Ideen, von unserer Not, von 
unserem Schicksal. Nicht selten hat der Deutsche durch ein Zuviel an Bildung 
und Bildungskultus den Geist der Nation kompromiriert und seine schöneren 
Eigenschaften im Dolmetscher- und Maklereifer verleugnet; Jahrhunderte lang 
war er der Lakai der anderen Völker, sein Land war ein Wirtshaus und er 
selber eben noch darin geduldet; wenn er den hohen Herrschaften die Rechnung 
vorlegte, ging es ohne Herzklopfen nicht ab. Es ist anders geworden, und daß 
es anders geworden ist, können sie uns nicht verzeihen. 
während ich alles dies niederschreibe, eilt an meinem inneren Auge Bild 
auf Bild vorüber. Ich sehe brennende Dörfer, zerstampfte Fluren, die Ebenen 
und die Gebirgstäler voller Leichen, die Verwundeten in den Lazaretten mit 
ihrem schüchtern und erstaunt ins Leben zurückkehrenden Blick, die ängstlich 
flüsternden Flüchtlinge in den überfüllten Eisenbahnzügen. Ich sehe, wie der 
junge Graf T. wahnsinnig wurde, weil der Rosakenhauptmann, auf den er 
in der Attacke zuritt, auf einmal ohne Ropf auf seinem Pferde saß, ohne 
Ropf noch den Säbel schwang; und wie Major S. sechzehn Stunden ver 
schmachtend unter Toten lag; ich sehe einen teuren Freund im Geschoßhagel 
in Flandern und einen zweiten in Gefangenschaft in Sibirien. So geht es 
weiter, Bild auf Bild, Grauen über Grauen. Heißt das noch leben? Rann 
man sich selbst dabei noch etwas wert sein? was soll in einem solchen Sturm 
der Wirklichkeiten Gedicht, Gestalt, Symbol? was geschieht mit uns, wo ist 
der Sinn, wo das Ziel? Ich beuge mich; die Ehrfurcht vor der Erscheinung 
durchzittert mich bis ins Mark, und wenn die Vesten des Planeten wanken, 
darf ich mich nicht beklagen, wenn auch meine Fundamente sich lockern. Es 
muß ertragen werden. Bin ich es nicht, dem es frommt, so sind es die, die 
nach mir kommen. 
Einsichtige unterschieben dem gegenwärtigen Rrieg einen tieferen Grund 
als der ist, der sich in politischen Machenschaften und Rabinettsfehden mani 
festiert. Ich zweifle nicht daran. Große Verwandlungen der Menschheit gehen
	        
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