Full text: 1914-1916 (1914-1916)

nur von großen Katastrophen aus, und die sogenannten friedlichen Reformen 
dringen meist kaum durch die Haut, geschweige denn, daß sie bis ans Herz 
reichen. Schuldige zu suchen ist gleichwohl menschlich, und Schuldige sind auch 
da; daß sie zugleich die Diener des uns unbekannten Schicksals sind und so 
die Zukunft gestalten helfen, mindert ihre Verantwortlichkeit nicht. Sie müssen 
so verworfen sein, daß unsere allzu kultivierte und bürgerliche Einbildungs 
kraft versagt, wenn wir uns den Unfang ihres Verbrechertums vorstellen 
wollen. Mich dünkt, daß uns neueren Dichtern der Mut, das Böse in seinem 
elementaren Wesen zu statuieren, mehr und mehr abhanden gekommen ist und 
daß wir uns in empfindsamer Scheu daran gewöhnt haben, es psychologisch 
zu verdünnen und zu rationalisieren. Ja, das Böse ist, es existiert. Es gibt 
einen Teufel, den großen Gewissenlosen, den großen Entnervten und Entherzren. 
wie genußsüchtig er ist, wie lüstern und feig! Er will nicht morden, er will 
vielleicht nur die Macht; oder vielleicht will er auch die Macht nicht, vielleicht 
will er nur Schätze; oder es ist ihm auch um Schätze nicht zu tun, und es ver 
langt ihn in der Finsternis seiner Seele bloß nach Lärm, Gebrüll, Verwirrung, 
Umsturz und Zähneklappern. Vielleicht ist er auch nicht einmal lüstern und 
genußsüchtig, vielleicht ist er satt, übersatt und streut Tod um sich her, damit 
die lästige Zeit vergeht, und brennt Städte nieder, um die steinernen Mienen 
seiner Schergen und Kreaturen aufzuhellen und durch Börsenspekulationen 
ihre Taschen zu füllen, wie verständlich er mir plötzlich ist; wie unheimlich 
und grausig wahr ihn sein tiefster Renner, Dostojewski, gemalt hat! Hüten 
wir uns vor ihm, denn Europa fängt erst an, unter feinen Pranken zu erbeben. 
wenn nun das Böse so folgenschwer tätig sein, solche Zerstörung und Ver 
zweiflung bewirken kann, so müssen wir trachten, daß auch die Güte von andrer 
Beschaffenheit werde, als sie bisber war, verlangender, begieriger, leidenschaft 
licher, wachsamer und ausdauernder. Dadurch und nur dadurch können wir 
den Teufel besiegen, im letzten Sinne meine ich, und wenn der Waffengang 
beendigt ist, werden erst die großen inneren Schlachten zum Austrag und zur 
Entscheidung gelangen. 
Seien Sie freundschaftlich gegrüßt 
von Ihrem 
Jakob Wassermann
	        
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