Full text: 1914-1916 (1914-1916)

vor dem Kriege war in unserem Volk eine neue religiöse Bewegung 
zu spüren gewesen. Eine der ersten Erscheinungen in diesem furchtbaren Krieg 
war, daß diese Bewegung außerordentlich an Kraft zunahm. Sie ist gänzlich 
formlos, geht vielleicht bei manchen in der Richtung, daß die Kirchlichkeit ge 
stärkt wird; bei sehr vielen aber hat sie durchaus nicht einen kirchlichen Charakter, 
so daß man annehmen muß, daß bei den anderen die Kirchlichkeit nicht das 
Erste sondern das Zweite ist, daß ein neues Gefühl sich in einer vorhandenen 
Form äußert. 
Sehr merkwürdig ist bei diesem allen das spontane Auftauchen deeHAus- 
drucks „Der deutsche Gott". 
Wir sind zu sehr gewohnt, Religion mit Kirche zu verbinden, odertweiter 
gefaßt, mit irgend einem mehr oder weniger festen Glaubensbekenntnis. So 
kann es kommen, daß man religiöse Leute für irreligiös hält, daß sie selber 
sich dafür halten, und daß man umgekehrt glaubt, das bloße Annehmen kirch 
licher Glaubenssätze und die Zugehörigkeit zu einer Kirche, noch dazu wenn 
dieses Annehmen aus einer Überzeugung kommt und diese Zugehörigkeit bewußt 
und gewollt ist, sei ein Beweis von Religion. Man sollte an die berühmte 
Schleiermacher'sche Definition denken, daß Religion das Gefühl der schlecht- 
hinigen Abhängigkeit von Gott ist; ein Gefühl also und zunächst weder ein 
Gedankenkomplex, noch ein willensakt; und sollte bedenken, daß „Gott" für 
jeden Menschen etwas Anderes ist, wie für jeden Menschen Welt und Ich etwas 
Anderes ist, daß ich Gott nicht anders definieren kann als das, von dem ich mich 
schlechthin abhängig fühle. So gebrauchen das Wort auch unsere heiligen 
Schriften, wenn sie etwa sagen: „denen das Geld ihr Gott ist". 
was die Menschen heute bei uns erleben, das schwebt noch in der Welt 
des Gefühls, auch bei den Kirchengläubigen; die Idee des „Deutschen Gottes" 
aber versucht bereits eine verstandesmäßige Konstruierung und bahnt einen 
Übergang zum willen. Mit andern Worten: hier will eine neue Religion werden. 
Ein solches Ringen braucht ja keinen Erfolg zu haben; es ist oft ergebnislos 
gewesen; es kann auch den Erfolg haben, daß die alten Formen, unsere Kirchen, 
mit neuer religiöser Inbrunst erfüllt werden und einen neuen Inhalt bekommen, 
ohne daß den Menschen klar wird: wir haben eine neue Religion. So war zum 
Beispiel der Pietismus eine neue Religion gegenüber der alten protestantischen 
Orthodoxie, und die moderne protestantische Orthodoxie gegenüber dem Ratio 
nalismus. Aber soweit ich verfolgen kann, ist doch diese Betonung des Nationalen 
etwas ganz Neues, und jedenfalls ist es etwas, das dem Geist des bisherigen 
Christentums widerspricht, denn der ist übernational.
	        
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