Full text: 1914-1916 (1914-1916)

Der Gedanke des deutschen Gottes müßte aber nun sehr nahe liegen, wenn 
ein urteilsfähiger Protestant, der sich nicht durch die Schale irremachen läßt, 
den englischen Protestantismus, der offiziellen Rirchen wie der Sekten, betrachtet, 
so muß er doch sagen, daß ein deutscher Ratholik ibm verwandter ist; denn die 
englische Religion ist nichts wie eine Versicherung zu möglichst niedriger Prämie 
auf persönliches Wohlergehen in diesem und jenem Leben, genau so wie es 
kindlich im Dekalog ausgedrückt ist: „auf daß es dir wohlergehe und du lange 
lebest auf Erden". Und wenn ein deutscher Ratholik sich etwa den italienischen 
^Katholizismus betrachtet, so muß er zugeben, daß ihm der deutsche Protestant 
im wesentlichen Punkt doch näher steht; denn der italienische Katholizismus ist 
nichts als ein NaivesHeidentum; er ist eine Organisation, vermittelst deren sich 
der Mensch mit einer großen Macht abfindet. Für uns Deutsche aller Bekennt 
nisse ist Gott das, dem wir uns vereinigen, das wir werden müssen. Deshalb 
steht für uns praktisch immer Christus im Mittelpunkt unseres religiösen Fühlens, 
wie bei den Engländern Gott Vater und bei den Italienern die Madonna. 
Dadurch, daß Deutschland in zwei Konfessionen geteilt ist, hat man bei uns 
das Konfessionelle, Trennende immer besonders scharf betont; und in völliger 
Verkennung der Aufgaben der Religion haben die Konfessionen sich sogar be- 
bekämpft. Heute wird es uns schwer, zu verstehen, weshalb Luther und Zwingli 
sich nicht einigen konnten, und wir sind geneigt, den einzigen Grund in theo 
logischer Starrköpfigkeit zu suchen; sollte nicht eine Zeit möglich sein, wo uns 
klar würde, wie unbedeutend eigentlich das Trennende zwischen unserem Pro 
testantismus und unserem Katholizismus ist; daß selbst der Ultramonranismus 
nur dann eine Gefahr ist, wenn er uns als Gefahr erscheint? wir erleben jetzt, 
wie in der muhammedanischen Welt der Gegensatz zwischen Schiiten und Sun 
niten vergessen wird, weil dem Islam große Aufgaben gestellt werden; sollte 
nicht auch der doch nicht tiefere Gegensatz in der christlichen Welt zu vergessen sein? 
wir haben das Trennende vielleicht nur so hoch bewertet, weil wir das 
Gemeinsame nicht sahen, weil wir es an einer anderen Stelle suchten, als wo 
es hingehört. 
wenn Religionen lebendig sind, dann bilden sie sich beständig weiter und 
bilden sich um zu Neuem. Aber diese Umbildung und Weiterbildung wird ihnen 
nicht genügend bewußt. Man kann sich die Sache vielleicht so klar machen. 
Die lebendige Religion, das reine Gefühl, ist formlos; so lange sie formlos 
ist, weiß sie nichts von sich, versteht sich oft falsch; sie sehnt sich deshalb nach 
einem gedanklichen, poetischen oder willensmäßigen Ausdruck. In dieser Sehn 
sucht ergreift sie meistens vorhandene Formen älterer Religionen, zunächst nur 
SZ
	        

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