Full text: 1914-1916 (1914-1916)

als bloßes Ausdrucksmittel, damit Einer sich dem Anderen mitteilen kann. Aber 
sowie das Gefühl ausgedrückt ist, ist es auch starr geworden und etwas anderes, 
als es war. Vielleicht verschwindet es für einige Zeit, vielleicht bricht ein neuer 
Strom aus den Seelen über das Erstarrte. Dieses Erstarrte aber bleibt jeden 
falls und heißt neue Religion, wird unter Umständen leer, unter Umständen 
Gefäß für etwas Religionsfremdes oder Religionsfeindliches; und auf jeden 
Fall halten die Leute hartnäckig an ihm fest, ohne zu ahnen, daß es an sich 
bedeutungslos ist und Religion nur wird, wenn in ihm Religion erlebt wird. 
Etwa ein mittelalterlicher Deutscher und ein alter persischer Mystiker erleben 
ganz dasselbe: der eine erlebt es als Christ und innerhalb der Formen der 
scholastischen Theologie, der andere als Muhammedaner und innerhalb der 
Formen der philosophierenden Schiah. Das wesentliche ist nicht die Philosophie, 
nicht Christentum und Muhammedanismus, sondern das religiöse Erlebnis, das 
Gefühl, welches diese Kleider anzog. Man kann sich den Vorgang so anschau 
lich machen. 
Durch die Arbeit vieler Generationen von Dichtern, Philosophen, bildenden 
Künstlern und Gelehrten war die Seele der antiken Menschheit höher gestiegen, 
und was früher Religion gewesen war, das erschien ihr nur noch als barba 
rische Furcht vor dem Unbekannten. Ein neues Gefühl war in den Menschen: 
sie fühlten, daß sie Rinder Gottes werden konnten. Vtun suchten sie in den 
vorhandenen Formen: sie suchten unter den Göttern, Kulten, Mythen; sie kamen 
etwa darauf, durch den Mithraskult dieses neue Gefühl zu formen; oder durch 
gnostische Weltschöpfungsmythen. Da war, so könnte man annehmen, in einer 
der vielen mystischen Kultgemeinschaften ein Mysterium von der Kreuzigung 
des Sohnes Gottes vorhanden, das zunächst nur als Dichtung geschaffen war, 
durch welche die sehnsüchtige Spannung der Gemüter sich lösen konnte, wenn 
es vor den Gläubigen aufgeführt wurde. Dieses Mysterium wurde nun er 
griffen, als historische Tatsache gefaßt, daß in Palästina Gottes Sohn als Mensch 
gekreuzigt sei, und nun gruppierte sich schnell aus altem und ältestem Material 
und aus neuen Schlußfolgerungen um diesen Kern alles von Gedanken und 
Geschichten, was das neue Gefühl brauchte, um sich in mittelbarer Form dar 
zustellen. Alle diese Geschichten und Gedanken sind also nicht irgendwie real im 
Sinne der gewöhnlichen Wirklichkeit; sie sind auch nicht eigentlich symbolisch; 
sie sind Ausdruck für ein Gefühl und sind an sich ähnlich zu verstehen wie ein 
Traum der Ausdruck für ein Gefühl ist; etwa, um einen trivialen Vergleich zu 
gebrauchen: wenn man träumt, daß man eine Marmortreppe hinaufsteigt, 
welcher eine Stufe fehlt, so drückt der Traum aus, daß der Träumende eine 
Zahnlücke hat; ganz gut hätte der Betreffende auch träumen können, daß er
	        

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