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schwerbelasteter Moralisten, die eine nackte Frau nicht 
sehen können, ohne in der bei ihnen entstehenden Geilheit 
eine Beleidigung ihres gesünder organisierten Mitmenschen* 
zu sehen. Die Verlogenheit des Expressionismus und der 
ganzen Kultur geht mit Sicherheit aus der Geschichte und 
der Anatomie des deutschen Charakters hervor. Eine Idee 
ist in Deutschland so lange es existiert, niemals vertreten 
worden, soweit es sich um die Mitarbeit größerer Massen 
handelte. Charakterologen der deutschen Rasse haben 
diese Erscheinung mit Mangel an Temperament oder Be 
geisterung zu erklären versucht, indem sie den Gedanken 
ahnen ließen, daß nur etwas mehr von diesen Gaben nötig 
sei, ein vielleicht erlernbarer Mehrwert, der das deutsche 
Volk zu einem auserwählten des lieben Gottes mache. Es 
handelt sich aber um einen fundamentalen Unterschied, 
eine durchaus konträre Struktur des Großhirns: um einen 
angeborenen Materialismus, einen Mangel an Gelenkigkeit 
des Geistes, eine ständige Minderwertigkeits- und Protest 
einstellung. Der Protestantismus als Müdigkeit und Un 
vermögen gegenüber der Renaissance. Der Expressionismus 
als Reaktion auf die Anspannung des Krieges, als großes 
Weglaufen des Geistes, als Verblassen der Instinkte. Luther 
und Thomas Münzer. Die Idee lag in den Bauernkriegen 
und bei den Wiedertäufern. Mit Luther siegt der Geist der 
Schwere, der Unsicherheit, es siegt der deutsche Einheits 
mensch. Die Freifleit, die mit der Reformation geschaffen 
wird — kein Elan der Idee, sondern ein Nachgeben und 
Zerbröckeln gegenüber den „exakten Köpfen“, denen es 
,dann gelungen ist, ganz Europa zu verpöbeln. Der Ex 
pressionismus will Menschlichkeit, Mitleid, d. h. praktisch, 
er ist gegen die Gewalt, die Tat, die Grausamkeit, er läßt 
jede erkenntnistheoretische Möglichkeit außer Betracht, 
er ist trotz aller Sehnsucht eine Angelegenheit dialektischer 
Qualitäten und Menschen, die den Kontakt mit den kos 
mischen Dingen verloren haben. Er sieht eine Hauptbe 
schäftigung in.der Verbesserung der Welt, ja er definiert 
den Geist als eine Zusammenfassung aller Möglichkeiten 
zur Meliorisierung unseres Daseins, der Mensch ist das Maß
	        
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