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alleinseligmachenden Regeln der Metrik mit der größten Gewissen 
haftigkeit. Aber auch sonst wurde die Kluft, die Kassäk von den 
übrigen, nach und nach auf einen neuen Konservatismus lossteu 
ernden Dichtern vom „Nyugat“ trennte, immer unüberbrückbarer 
und unmittelbar vor dem Kriege war der Bruch bereits erfolgt. 
Inzwischen hatte sich eine Handvoll jüngster Künstler um Kassäk 
geschart, die in ihm ihren Führer erblickten, und mit ihnen gründete 
er die erste wirklich radikale Zeitschrift des ungarischen Sprach 
gebietes unter dem Titel „Tett“, der später, als die Zeitschrift wegen 
antimilitaristischer Propaganda verboten wurde, in „Ma“ (Heute) 
abgeändert werden mußte. Die „Maisten“ waren die ersten, die 
eine wirkliche Annäherung des ungarischen Schrifttums an die 
neuen ausländischen Bestrebungen durchsetzten und das ungarische 
Publikum auf die Richtungen neuesten Datums aufmerksam machten. 
So mußte sich auch Kassäk, der Dichter, mit dem Futurismus aus 
einandersetzen. Wurden doch seine Prosagedichte sowie die ganze 
Bewegung des „Ma“ in gutbürgerlichen Kreisen als futuristisch 
beschimpft, und zweifellos waren es außer Walt Whitman in erster 
Linie die Nachbeter Marinettis, deren Form die meiste Ähnlichkeit 
mit der Kassäks aufwies und die ihn später, als er diese Form für 
sich bereits geprägt hatte, auf das stärkste beeinflußten. Aber ein 
Futurist war er wohl nie gewesen. Daran hinderte ihn seine ent 
schieden soziale Weltanschauung, die sich bereits im Roman des 
slowakischen Bauern bewährte. Blieben seine Gedichte an Dynamik, 
Schwung und Kraft hinter den besten Schöpfungen der futuristi- / 
sehen Schule auch nicht zurück, so hielt er doch sein Auge für das 
soziale Problem offen, und beim Ausbruch des Krieges, als die 
Futuristen den Krieg als die endlich entfesselte Bewegung, die 
längstersehnte Aktionsfreiheit anjubelten, verwies er mit nüchterner 
Erwägung darauf, daß der Krieg diesen verschrobenen Erwar 
tungen nicht im geringsten entsprechen werde, daß er vielmehr 
eiserne Disziplin, militärischen Drill, Einschränkung jeder freien 
Bewegung bedeute. 
So fand er sich selbst auch während des Krieges, dessen Aus 
bruch mit dem Anfang seiner zweiten Schaffensperiode zusammen 
fällt. Als Führer der schon erwähnten Ma-Gruppe — es ist be 
zeichnend für Kassäk, den Menschen, daß er sich den Jüngsten 
gerade zu einer Zeit zuwandte, da er bereits anfing, berühmt zu 
werden und die Früchte seiner schriftstellerischen Arbeit einzu 
heimsen — entfaltete er eine rege Propaganda gegen Krieg und 
Militarismus. Überhaupt ist der Grundzug dieser zweiten Periode 
ein enger organischer Zusammenhang von Kunst und Politik. Sein 
politisches Glaubensbekenntnis war, wie nicht anders zu erwarten, 
ein schlechthin radikales: der Kompromißsozialismus war ihm nicht 
minder verhaßt als der hirnverbrannte Nationalismus, der bekannt 
lich auch gerade damals die Zügel schießen ließ. Er bereitete sich 
auf die Revolution vor. Und darin unterscheidet er sich von den 
antimilitaristischen Aposteln anderer Länder, auch von Leuten wie
	        
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