Full text: Briefe eines Toten

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Ich möchte keinem die Last aufbürden, die von 
Haus aus auf mir lag. Ich weiss, was es heisst, 
Erstgeborener zu sein, und was es heisst, zu sehen, 
und: zu müssen. 
Anno 99 . . . Kurz nachher trafen sie mich. 
Ich schicke voraus, dass kurz vorher die Redaktion 
der Jugend sich verpflichtet fühlte, meinem Vater zu 
schreiben: <lWir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, 
dass offenbar Ihr Herr Sohn in einem Zustand nervöser 
Erregung sich befindet, der es ratsam erscheinen lässt, 
wenn Sie sich seiner etwas näher annehmen etc.O 
Oder so ähnlich. Ich habe den Brief nie gelesen. 
Jedenfalls gab es eine erregte Auseinandersetzung, 
aber, wie stets, hatten beide Teile recht. Alles löste 
sich in Ruhe und Frieden auf, denn ich war noch ein 
argloses Gemüt. Heiter und fröhlich fuhren wir über 
den Bodensee und besuchten noch eine befreundete 
Pfarrersfamilie in Schussenried. Dann besahen wir 
uns das dortige Schloss, die alte Abtei der Prämon- 
stratenser, jetzt eine Irrenanstalt. 
Weg aus diesem Hause ging einer weniger als hin. 
Ich blieb zurück, ganz systematisch, suchte Blumen, 
kam wieder und gewöhnte die andern so langsam 
dran, dass ich immer wieder komme. Bis wir dort 
waren, wo ich wollte. Ein Sprung und der Hügel 
deckte mich für 5 Minuten. In 5 Minuten sah mich 
aber der Wald nicht mehr, der mich 5 Minuten vorher 
gesehen. Dann lag ich 2 Stunden in einem Busch, 
machte mich auf, und schritt wohlgemut Ravensburg 
zu, um auf dem nächsten Bahnhof meine paar Brief 
marken in Fahrgeld umzuwandeln. Das war mein
	        

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