Full text: Briefe eines Toten

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zwangen, meine quantite negligeable abzustreifen. Die 
Caesaren, die die Jugend neulich meinte, sind heute 
keine Caesaren mehr — aber Könige — ; immerhin 
hätte sich Caesar für ihre Rolle bedankt. Oder war 
Caesar nicht so gross? Ich glaube, er wollte doch 
in Rom der erste sein. — Der Witz liegt nur darin, dass 
er festes Fundament unter den Füssen hat. Dann kann 
er ruhig die Sterne vom Himmel holen, wenn ers kann. 
Der Giessbach giesst. Wen das stört, der gehe 
3 Schritt davon. Aber es ist schön, dieses Giessen — 
und dieses Spritzen. Und im Niagara zu stehen, ist 
göttlich, wers versteht. 
Gewiss habe ich weiter gelernt seit meinem letzten 
Gedicht, seit meinem letzten Brief. Soll ich warten, 
bis ich nichts mehr zu lernen habe? Wollen Sie so 
lange warten? ? ? 
. . . aber der Gipfel ist noch viel höher. 
Glauben Sie, ich wolle ihn allein, ohne Führer 
ersteigen? Ich bin Laie im Bergsteigen. Wohl hab 
ich den Wunsch dazu und lerne nicht schlecht, aber 
höchstens langts zum Wäger, zum Ansporner. Gewiss 
will ich stets versuchen, die Situation selbst zu über 
schauen, zu ordnen, wenn die Führer verschiedener 
Ansicht, aber führen? ? ? Ich suche 
mir die besten Führer, die aufzutreiben sind, Männer, 
die fremden Weg nicht scheuen, weil sie die Eigen 
schaften der Wege im Allgemeinen kennen. Männer 
die nichts vorher wissen, nichts vorher glauben und 
warten, was der Weg bringt. 
Die Kunst rechne ich nicht zu diesen Führern. 
Die Kunst ist ihr Gegenteil. 
Die Kunst ist der Glaube und der Mut und der 
Ernst und die Zuversicht und die Lust und der Sieg. 
Die Kunst ist ihr Zweck.
	        

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