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Jahresbericht 1936 der Zürcher Kunstgeselleschaft
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kussion gestellt, davon 8 auch in anderer Art belegt, 4 weitere, darunter die von Emil
Waldmann expertisierte «Brandung bei Etretat», durch Leger in allgemeiner Form an-
erkannt.
Ueber die «certaines erreurs» in der Erklärung von Herrn Schoeller waren bestimmte
Angaben nicht erhältlich, dem Anschein nach meint Herr Schoeller damit Bilder, über
welche die französischen Händler ungleicher Meinung mit Charles Löger sind. Charles
Leger selbst stützt sich in seinen Zuschreibungen fast ausschließlich auf eine historisch-
philologische Dokumentierung, die an sich gewiß nicht alles bedeutet und gewährleistet,
jedoch unendlich. mehr als bloß ästhetisierende, oberflächliche Improvisation.
TV.
Ueber die Courbet-Ausstellung von 1929 im Petit Palais in Paris hat ein Bericht-
erstatter geschrieben (Cicerone, Jahrg. XXI, 1929, S.542) : Die große Courbet-Ausstellung, die
im vergangenen Sommer im Petit Palais stattfand, gab zu den widersprechendsten Urteilen
Anlaß. Während die einen der Begeisterung freien Lauf ließen, sprachen die andern von
Courbets Niedergang. Vielleicht hängt der ungünstige Eindruck der Verneiner mit der Tat-
sache zusammen, daß sie zum erstenmal vor einem bedeutenden Teil seines Werkes der
Grenzen seines Schaffens gewahr wurden, und daß die allgemeine Enttäuschung sie die
echte Größe dieser Kunst innerhalb ihrer Grenzen nicht mehr erkennen ließ.
Die Aufnahme der Ausstellung in Zürich war bei aller Stärke der äußerlich attraktiven
Wirkung gar nicht so viel anders. Sie wurde, wo man sich an eine fast selbstverständlich-
zleichmäßige Reife und Sicherheit der großen französischen Tradition und Entwicklung ge-
wöhnt hatte, als von beleidigender Ungleichmäßigkeit empfunden. Courbet macht es
jedem schwer, ganz mit ihm zu gehen, er ist ein unbequemer Genosse, man fühlt sich bei
ihm nicht in unbedingt guter Gesellschaft, wobei aber freilich auch wieder jeder Schuß
manchmal eher geschätzter interessanter Verderbtheit fehlt. Möglich, daß auch das Außer-
künstlerische mitwirkt und die stets irgendwie von «Skandal» umwitterte Figur sich vor
die Bilder stellt; daß Courbet immer noch irgendwie Bürgerschreck ist, womit wieder
nicht gesagt sein soll, daß er selber unbürgerlich wäre. Er ist nur als Mensch wie als Künst-
ler nicht städtisch, doch auch nicht ländlich, kein Bauer, doch provinziell, eine schlecht
oder gar nicht assimilierte, nicht assimilierbare, überdimensionierte männliche «Un-
schuld vom Lande». Er ist und bleibt «ungeschliffen», das Wort hier gemeint in seiner
einfachen, unmittelbaren Bedeutung, nicht als Eigenschaft, sondern als Zustand. Man wirft
ihm Unsicherheit im Geschmack vor, er hat gar keinen und will keinen haben, ist aber
nicht über das Bedürfnis bewußt erhaben. nur jenseits davon, wie jenseits von Gut und
Böse.
Was er ist und woraus er schafft, ist Kraft, oder wenn man will Natur, ungehemmte, un-
zeleitete, unstädtische Werdekraft. Neben Courbet (nur neben ihm) ist Delacroix ein
Dandy, Corot ein gemütlicher Sonntagsmaler, sind Degas, Toulouse, Gauguin hektische
Treibhauspflanzen. Doch nützt ihm wieder seine Gesundheit nicht viel, er weiß sie nicht
zu benutzen. sie treibt nur ihn. ;
Vor solcher Maßlosigkeit versagen die sonst ergiebigen Maßstäbe und Einstellungen.
Courbet muß aus dem üblichen Gesichtswinkel ruckweise in Abschnitten gemessen wer-
den, oder als Ganzes mit einer viel weiteren Oeffnung. Jetzt wird bei ihm noch als