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Jahresbericht 1936 der Zürcher Kunstgesellschaft
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den, und anscheinend gibt es nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch zwi-
schen Ornans und Paris noch Dinge, die sich die Menschen in ihrem Verstand nicht träu-
men lassen. Auch wenn sich Riat in seiner Ansetzung auf Januar 1872 nur durch die
Inschrift auf dem Bild und dessen Zugehörigkeit zur Sammlung Pasteur (unser Brief
scheint ihm nicht bekannt gewesen zu sein) hätte bestimmen lassen, was nicht bewiesen
ist, so wäre doch darauf hinzuweisen, daß Courbet im Gefängnis Sendungen aus der Hei-
mat erhalten hat, wie Schachtelkäse aus Pontarlier von Mme Jolicler, und daß seine Haft —
«in vinculis» — sowohl im Gefängnis wie in dem Institut des Monsieur Duval in den Monaten
Dezember und Januar die für Fischtransporte geeignete kälteste Jahreszeit in sich schließt,
und daß sodann solche Fischgeschenke nach Paris in der Familie Courbet gelegentlich vor-
gekommen, wenn nicht geradezu üblich gewesen sind. Riat zitiert S. 76 einen Brief von
Courbet aus dem winterlichen Ornans, der dies für eine schon viel frühere Zeit beweist.
«Une lettre du 12 de&cembre 1849 ä M. et Mme Wey, oü il leur annonce l’envoi d’un
superbe poisson, ‚un des rois de la Loue‘, pris dans un gouffre longeant la propriete de
M. Ordinaire ä Maizieres, par ‚Jean-Jean de la Male-Cöte, pecheur de profession‘».
Die einfachste Annahme wäre die, daß Courbet im Gefängnis, oder immer noch
«in Banden», doch interniert im Institut von Monsieur und Madame Duval, in der stren-
gen Winterzeit die Forelle als Geschenk aus Ornans erhalten, sie gleich gemalt, M. Pa-
steur das Bild während der Porträtsitzungen im Januar 1872 gesehen hätte, und Courbet
mit dem Versprechen, ihm nicht das Original, aber eine noch anzufertigende Kopie zu über-
lassen, nach Ornans abgereist wäre; daß die Kopie bei der schlechten Verfassung des Mei-
sters im Herbst und Vorwinter 1872 zu spät begonnen und nicht fertig geworden oder sonst
so ausgefallen wäre, daß Courbet sie lieber nicht aus der Hand geben wollte, womit
M. Pasteur doch in den Besitz des in Paris nach der Natur gemalten «Originals» gelangt
wäre.
Das letzte Argument liefert der Anblick der zwei Bilder selber. Die kleinere, nun
«zürcherische» Forelle ist mehr des Modells, des Fisches wegen gemalt, die zweite des
Bildes wegen, mit reicherem Schmelz der Farben, doch nicht so gespannter Form. Sie ist
ein Landschaftsausschnitt mit einem großen Fisch, die Zürcher Fassung ein großer Fisch
mit nur 80 viel Umgebung als nötig ist. um die nicht vom Fisch zugedeckte Leinwand im
Viereck auszufüllen.
Courbet hat seinen Fisch nicht kopieren wollen. «Incopiable» heißt hier, daß ein
derartiges Stück nicht kopiert werden soll. Er hat sich an ihm zu einem neuen, anders
angelegten Bild inspiriert und ihn zum Ueberfluß dabei auch noch umgedreht.
Die Zuverlässigkeit von Courbet in Fragen, wo es um Bilder geht, hat eine weitere
Bestätigung erfahren durch die Entdeckung, daß die Malfläche der zürcherischen Forelle
bei der Einpassung in einen etwas zu kleinen Rahmen oben und auf der linken
Seite (vom Bild aus) umgebogen und beschnitten worden ist. Bei der Neurahmung in
Zürich und Unterziehung mit einer neuen Leinwand hat sie sich von 86,5 X 51,5 cm
vergrößert auf 87 X 52,5 cm. Oben und links dürften, wie der unregelmäßig ausgezackte
Rand berechnen läßt, je 2—3 cm verloren sein, so daß die im Brief von Courbet an-
gegebenen Maße von 89 X 55,5 cm genau erreicht würden. Die Fassung von 1873 mißt
983,5 X 65,5 em.