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Jahresbericht 1936 der Zürcher Kunstgesellschaft
Zugriff innerhalb eines kurzen Zeitraumes. Das heißt nicht, daß nicht jeder einzelnen
Entscheidung sorgfältige Prüfung und behutsame Erwägung durch Sammlungskommission
und Vorstand vorausgegangen wären. In den meisten Fällen hatten die Werke auch schon
eine mehrwöchige bis mehrjährige Probezeit im Kunsthaus hinter sich.
Dies gilt vor allem für die vier Tafeln, die vor wenigen Jahren entdeckt, anfänglich kurz
als «Bayrisch 1440—1450», dann durch den Direktor der Bayrischen Staatsgemäldesamm-
lungen, Ernst Buchner, paarweise als «Meister der Münchener Domkreuzigung» und «Mün-
chener Meister der Marientafeln» vorläufig bezeichnet wurden. Die Abbildungen in diesem
Bericht, Taf. II und III, ersetzen eine Beschreibung. In einem zürcherischen Hause, dem
das Kunsthaus, für unvergeßliche Förderung durch große Schenkungen verbunden ist, ent-
sprang unmittelbar nach ihrem Auftauchen im Kunsthandel um Weihnachten 1930 der
Entschluß, sie zu erwerben und als kostbare Leihgaben dem Kunsthaus auf unbestimmte
Zeit zu übergeben. Vorher anvertraute der Eigentümer sie zur Sicherung vor weiterer
Gefährdung durch die Risse im Holz und durch die derben VUebermalungen kleinerer
Fehlstellen dem Restaurator Fred Bentz in Basel, der mit der Untersuchung vor der
Röntgenröhre auch größere zeit- und artfremde Zutaten feststellte, die offensichtlich nur
angebracht worden waren, um einer gegenüber der einfacheren Vorstellung des ursprüng-
lichen Meisters gewandelten Auffassung der biblischen Personen und Vorgänge Genüge zu
leisten. In jahrelanger sorgfältigster Bemühung suchte der Restaurator die Einheitlichkeit
und Einfachheit des Originals in Farbe, Form und Ausdruck von den Entstellungen zu be-
freien. Die Einreihung der Bilder in die Sammlung des Kunsthauses war ein Anlaß zur
Einrichtung der Ausstellung «Tafelbilder des 15. und 16. J ahrhunderts, Schweiz, Deutsch-
land, Niederlande» im Sommer 1934, zu welcher mit wirklich edelmütigem Entgegen-
kommen aus dem Münchner Dom die große Kreuzigung eines bayrischen Meisters von
der Mitte des 15. Jahrhunderts zur Verfügung gestellt wurde. Die Aufreihung der vier Zür-
cher Tafeln zu beiden Seiten des großen Münchener Bildes an einer Wand des Seitenlicht-
saales A beleuchtete zunächst die künstlerischen Zusammenhänge nach dieser Seite. Wenn
im folgenden Jahr die Zürcher Bilder nach München reisten, so konnte dort die Konfron-
tation mit dem sogenannten «Meister von Weilheim» oder «Meister der Pollinger Tafeln»
von 1444 vollzogen werden, der für die Zürcher Verkündigung und Weihnacht etwas ähn-
liches bedeutet wie die Münchener Domkreuzigung für den Zürcher Oelberg und die Grab-
legung. Die Ausstellung «Die Anfänge der Münchner Tafelmalerei>», die während des
Monats Mai durch die Direktion der Bayrischen Staatsgemäldesammlungen in der neuen
Staatsgalerie in München veranstaltet wurde, stellte durch die Werke selber und den
von Ernst Buchner: und Karl Feuchtmayr bearbeiteten wissenschaftlichen Katalog alle
einstweilen erkannten Zusammenhänge wie die noch zu lösenden Fragen ins Licht.
Der ebenfalls im Bericht, als TafelI, abgebildete Frauenkopf von J ohann Heinrich
Füßli hatte während der Ausstellung «Schweizer Maler im Zeitalter des Klassizismus und
der Romantik» der Prüfung standgehalten, die «Forelle» von Gustave Courbet, Taf. VI
und Beilage III, während der Dauer der Courbet-Ausstellung sich immer mehr als eines der
stärksten Bilder durchgesetzt, die Kompositionen «Eingang zum Bauernhof» von Hans
Berger und «Die Badenden» von Hermann Huber in mehrwöchigen Ausstellungen im
Herhst. und Winter sich empfohlen. /
Für die Erwerbung eines Werkes aus der 19. Nationalen Kunstausstellung in Bern stand
der Zürcher Kunstgesellschaft als Sektion des Schweizerischen Kunstvereins die Hälfte des