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Jahresbericht 1942 der Zürcher Kunstgesellschaft
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Sie in der Ausstellung nicht sehr zahlreiche, aber eindrucksvolle Proben sehen. Die Zeich-
nungen und Aquarelle und die Druckgraphik aus dem Bereich von ‚Sammlung I‘ eind in
zwei besonderen Abteilungen des Verzeichnisses nicht einzeln, sondern zusammengefaßt
unter ihren mit Geburts- und Todesjahr aufgeführten Künstlernamen und mit summarischem
Hinweis auf den Umfang ihrer Vertretung aufgenommen.
Das sachliche Verhältnis der Zürcher Kunstgesellschaft zur ‚Sammlung I‘ ist in einem
knappen Vorwort dargestellt. ‚Sammlung I‘ ist der Kern, der Anfang der ganzen Sammlung
des Kunsthauses; sie ist auch jener Teil der Sammlung, in welchem lange Zeit — ein Jahr-
zehnt lang — der einzige, ausschließliche Zweck des Sammelns gesehen worden ist. Diese
‚Sammlung I‘ füllt alle Sammlungsräume. Ich weiß nicht, ob es viele Museen in der Schweiz
gibt, die in einem zeitlich und örtlich so eng begrenzten Bereich mit Ausschnitten aus ihren
Beständen ein Ganzes darbieten können, das eine ähnliche Geschlossenheit und ähnlichen,
greifbaren künstlerischen Gehalt aufweist.
Man kann sich fragen — und Sie werden sich fragen, wenn Sie den Katalog genauer
ansehen — ob die Sammlung nicht eine mengenmäßige Hypertrophie aufweist, ob eine
kleinere Sammlung nicht besser wäre. Das ist sicher so. Man kann, wenn man den ganzen
Bestand der Werke aus dem Bereich, dem diese Auswahl gilt, überblickt, sich eine inten-
sivere, strengere Auswahl denken. Die finanziellen Mittel des Kunsthauses sind stets, beson-
ders aber in den frühern Jahrzehnten, bescheiden gewesen, und auch die Schenkungen haben
naturgemäß, so bedeutend sie an sich sind, sich auf bestimmt umschriebene einzelne Bereiche
beschränkt. Sie werden finden, daß Künstler, von denen vielleicht fünf bis sechs Werke aus-
gestellt sind, im Inventarkatalog mit 20 bis 30 Werken figurieren, nicht nur Koller, Hodler,
Amiet oder Haller.
Nun haben wir uns mit dieser Frage ohne Unterlaß beschäftigt und sind der Auffassung,
daß doch das Depot — die überschüssigen, nicht ausgestellten Werke der Sammlung —,
sehr wichtig ist. Ich besitze einen Brief vom 7. Mai 1942, aus dem ich Ihnen eine Stelle vor-
lesen darf:
‚Kein einziges namhaftes Museum der Welt kann (und will) alles ausstellen, was es
besitzt. Nur Provinzmuseen zeigen den hinteısten Schwarten — weil sie nichts Besseres
haben! Ein seriöses Museum muß ständig ausscheiden, verbessern, aus dem Depot her-
vorholen, ins Depot verbannen. So habe ich einerseits tief Verachtetes aus dem Depot
herausgeholt und Hochgeschätztes ins Depot gestellt! So muß das hin und her gehen.
Erbschaften spülen mit einem guten Bild zehn schlechte ins Haus. Ankäufe von heute
halten nur bis morgen, nicht bis übermorgen. U. s. w.! Das Depot ist die wunderbarste
Erfindung des Museums. Ohne sie kann kein Museum lebendig sein.‘
Der Brief ist unterzeichnet von einem hochgeschätzten Kollegen, Herrn Dr. Georg
pchmidt, dem Konservator des Basler Museums, das dem zürcherischen ein Vorbild sein
ann.
Die Gliederung einer Sammlung kann man sich auf zwei Arten vorstellen. Das
Uebliche ist eine bunte Reihe, eine ‚gesprenkelte‘ Sammlung, d.h. eine Präsenzliste von
vielen Künstlern mit je nur wenigen Werken; viele bedeutende Namen, doch zahlenmäßig
wenig Werke; oder dann als Gegenstück, als Möglichkeit: nicht zahlreiche, aber große,
ruhige Gruppen einer Mehrzahl von Werken einer beschränkten Zahl von Künstlern.
[m Museumswesen ist bisher der erste Typus überwiegend, rein oder gemischt mit
Typus 2. Im Ausstellungswesen kennen wir in der Schweiz als gegensätzliche Typen z. B.
die Nationale Kunstausstellung von 1941 in Luzern und unsere Ausstellung ‚Schweizer Bild-
hauer und Maler 1941‘.
Bei den Beständen der Sammlung des Zürcher Kunsthauses sind theoretisch beide Arten
der Darbietung möglich. Die jetzige Ausstellung ‚Sammlung I‘ ist gemischt. Im ersten Stock-
werk zeigt die Mehrzahl der Säle ‚bunte Reihe‘, aber daneben sind starke Gruppen: Koller,
Böcklin, Welti; im zweiten Stockwerk überwiegen die Gruppen, mit Hodler, Bodmer,
Blanchet, Auberjonois, Barth; gemischt ist wieder der Saal d, mit Buri, Giacometti, Amiet
und ihrem Kreis.