Full text: Jahresbericht 1958 (1958)

Rand gedrängt oder besser: dem Wesen nach unmöglich ge- 
macht worden ist — was nicht heißen soll, daß nicht auch 
heute noch viele Porträts gemalt würden; doch verschwindend 
selten erreichen sie den Würdegrad ernst zu nehmender 
Kunstübung; Kokoschkas von der großen europäischen Tradi- 
tion des Barocks gespeiste Bildniskunst bildet die einsame Aus- 
nahme. Daß Giacometti dem Bildnis einen zentralen Platz ein- 
räumt in seiner Malerei, mag den folgenden Grund haben: 
auch als Plastiker setzt er sich, mindestens seit dem Krieg, 
vorzüglich mit der (wenn auch noch so sehr linear verdünn- 
ten, zum gespenstischen Skelett reduzierten) menschlichen 
Gestalt auseinander. 
Das eine Bildnis stellt «Diego, des Künstlers Bruder» dar 
(Oel auf Leinwand, 80,5 X 65 cm, bez. u. r.: Alberto Giacometti 
1951). Die Figur sitzt, leicht aus der Mittelsenkrechten der 
Bildfläche nach rechts verschoben, streng frontal in einem 
kahlen Raum, den skizzenhaft spärliche Andeutungen von 
staffeleiähnlichen Geräten, Stühlen und Möbeln und eine 
Lampe vermutlich als Atelier lokalisieren. Die Figur mit ihrer 
knappen Szenerie wird allseitig eingefaßt durch einen gemal- 
ten «Rahmen im Rahmen», der analog der Gestalt des Por- 
trätierten exzentrisch gegeben ist. Er schafft, inhaltlich moti- 
visch, die Illusion eines fensterartigen Durchblicks auf das 
Modell und seinen Umraum; zugleich akzentuiert er, formal, 
nachdrücklich die bildhafte Wirkung der Komposition. 
Das gestalterische Medium oder Substrat von Alberto 
Giacomettis Malerei ist einerseits eine singuläre Farbigkeit, 
anderseits eine ebenso unverwechselbare Zeichnung. Was die 
Farbe betrifft, möchte man von einem Grisaillecharakter des 
Bildes sprechen, so sehr herrschen asketisch karge, aber in 
ihrer Kargheit differenzierte Graustufungen vor, die nur sel- 
ten an wenigen Stellen in der Richtung auf Schwarz und 
Weißlich ausschwingen und da und dort von Braungelborange 
durchsetzt sind. In der «Eintönigkeit» der farbigen Haltung 
wurzelt die eigentümlich trostlose, bleiche, trübselige, zu sug- 
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