Full text: Jahresbericht 1959 (1959)

STATUE 
DES MARSYAS 
In den letzten Tagen des vergangenen Jahres erwarb die 
Kunstgesellschaft mit finanzieller Beihilfe des Kantons Zürich 
eine antike Plastik von außergewöhnlichem Rang. Sie stellt 
eine mit Binden an einem kahlen Baum aufgeknüpfte männ- 
liche Figur dar, deren zerdehnter Körper mit den vortretenden 
Muskeln und deren schmerzverzogenes Antlitz alle Qual 
menschlichen Leidens veranschaulichen. Es ist die aus den 
Sagen des klassischen Altertums wohlbekannte Gestalt des 
Marsyas, der für seinen frevelhaften Uebermut die grausamste 
Strafe erfuhr. 
Marsyas war ehemals ein mächtiger Gott in Phrygien, 
einer Gegend im westlichen Kleinasien, die durch ihre 
mannigfaltigen und altertümlichen Kulte bekannt war. Sein 
ursprüngliches Wesen als ungestümer und zugleich Frucht- 
barkeit verheißender Flußgott und als Herr der freien Natur, 
wo er den Hirten gleich auf der Flöte spielte, läßt sich andeu- 
tungsweise aus späterer Ueberlieferung erkennen. Diese 
beruht auf den Nachrichten der Griechen, die im frühen 
ersten Jahrtausend v. Chr. bis in jene Gebiete vordrangen und 
mit ihrer Kultur auch die eigenen Götter mitbrachten. Der 
Widerstreit zweier Welten, der einheimisch-anatolischen und 
der klassisch-griechischen, spiegelt sich deutlich im griechi- 
schen Mythos, der die alten autochthonen Vorstellungen vom 
göttlichen Marsyas überlagerte und ihn selbst entthronte. 
Nach Ansicht der Griechen war Marsyas ein Naturwesen von 
der Art der Silene und Satyrn und wurde wie diese mit einem 
Pferdeschweif und spitzen Pferdeohren ausgestattet. Die 
Kunst des Flötenspiels erwarb er erst, nachdem Athena die 
Flöten erfunden, das Instrument aber aus Aerger über ihre 
beim Spielen aufgeblähten Backen weggeworfen hatte. Trotz 
ihrem Fluch über jeden späteren Benützer hob Marsyas die 
Flöten auf und vermaß sich, mit Apollon, dem Gott des Leier- 
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