tungen und Bewegungen andeuteten, seine tödliche Spannung
aber weder im Körper noch kaum jemals im Antlitz wider-
spiegelten. Erst die hellenistische Epoche, die in vielen Dingen
anspruchsvoller war, suchte nach neuen Möglichkeiten der
Wiedergabe menschlichen Leidens. Freilich gab es nach wie
vor bedeutende Kunstwerke, die den schreckensvollen Vor-
gang auf dem dramatischen Höhepunkte darstellten, wie etwa
die berühmte Galliergruppe aus Pergamon. Daneben aber
entstanden andere, die das Bestreben erkennen lassen, das
Mitgefühl des Betrachters zu einem eigentlichen Miterleben
zu steigern, und zwar dadurch, daß der letzte Schritt der
Handlung noch nicht vollzogen ist und somit der Betrachter
statt in die Rolle des Zuschauers sich in diejenige des Teil-
nehmers hineinversetzen kann. Der Weg steht ihm damit
offen, das Kunstwerk mit einer Intensität auf sich einwirken
zu lassen, als ob das Geschehnis ihn selber beträfe, und der
Spannung teilhaftig zu werden, die in dem Momente vor der
Katastrophe liegt.
Ein Meisterstück dieser Richtung ist der hängende
Marsyas. Wohl wurde er vorerst nur am Baume hochgezogen,
wohl sind nur die Vorbereitungen zur schrecklichen Hin-
richtung getroffen worden. Doch treten am schmerzlich aus-
einandergezerrten Körper die verkrampften Muskeln mit
einer grausamen Schärfe hervor, die das Ergebnis der Häu-
tung nahezu vorwegnimmt und deshalb der Einbildungskraft
eines jeden mit der Sage Vertrauten Vorschub leistet. Das
Haupt des Opfers ist auf die Brust gesunken, und das von
wirrem Haar und Bart umrahmte Gesicht ist mit seinen vielen
kleinteiligen Hautfalten gleichsam in sich eingeschrumpft. Die
Augen liegen tief in den Höhlen, und die Zähne sind in wil-
dem Schmerz zusammengebissen. So vervollständigt sich das
Bild der aufs äußerste leidenden Kreatur, deren Schicksal sich
niemand ungerührt entziehen kann.
In der Geschichte der hellenistischen Plastik ist das
Thema der Bestrafung des Marsyas mehrfach behandelt