Volltext: Jahresbericht 1959 (1959)

tungen und Bewegungen andeuteten, seine tödliche Spannung 
aber weder im Körper noch kaum jemals im Antlitz wider- 
spiegelten. Erst die hellenistische Epoche, die in vielen Dingen 
anspruchsvoller war, suchte nach neuen Möglichkeiten der 
Wiedergabe menschlichen Leidens. Freilich gab es nach wie 
vor bedeutende Kunstwerke, die den schreckensvollen Vor- 
gang auf dem dramatischen Höhepunkte darstellten, wie etwa 
die berühmte Galliergruppe aus Pergamon. Daneben aber 
entstanden andere, die das Bestreben erkennen lassen, das 
Mitgefühl des Betrachters zu einem eigentlichen Miterleben 
zu steigern, und zwar dadurch, daß der letzte Schritt der 
Handlung noch nicht vollzogen ist und somit der Betrachter 
statt in die Rolle des Zuschauers sich in diejenige des Teil- 
nehmers hineinversetzen kann. Der Weg steht ihm damit 
offen, das Kunstwerk mit einer Intensität auf sich einwirken 
zu lassen, als ob das Geschehnis ihn selber beträfe, und der 
Spannung teilhaftig zu werden, die in dem Momente vor der 
Katastrophe liegt. 
Ein Meisterstück dieser Richtung ist der hängende 
Marsyas. Wohl wurde er vorerst nur am Baume hochgezogen, 
wohl sind nur die Vorbereitungen zur schrecklichen Hin- 
richtung getroffen worden. Doch treten am schmerzlich aus- 
einandergezerrten Körper die verkrampften Muskeln mit 
einer grausamen Schärfe hervor, die das Ergebnis der Häu- 
tung nahezu vorwegnimmt und deshalb der Einbildungskraft 
eines jeden mit der Sage Vertrauten Vorschub leistet. Das 
Haupt des Opfers ist auf die Brust gesunken, und das von 
wirrem Haar und Bart umrahmte Gesicht ist mit seinen vielen 
kleinteiligen Hautfalten gleichsam in sich eingeschrumpft. Die 
Augen liegen tief in den Höhlen, und die Zähne sind in wil- 
dem Schmerz zusammengebissen. So vervollständigt sich das 
Bild der aufs äußerste leidenden Kreatur, deren Schicksal sich 
niemand ungerührt entziehen kann. 
In der Geschichte der hellenistischen Plastik ist das 
Thema der Bestrafung des Marsyas mehrfach behandelt
	        
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