ZU EINIGEN NEUERWERBUNGEN
Oberitalienisch um 1440, Holzskulptur eines Falken
Als Dauerleihgabe eines Kunstfreundes ist dem Kunsthaus
eine aus Zürcher Kunsthandel stammende Holzskulptur ver-
macht worden, die aus mehreren Gründen einen Hinweis ver-
dient. Es handelt sich um ein in seiner Art singuläres Werk
von hoher Qualität, das in kunsthistorischem Betracht man-
ches Rätsel stellt — die folgenden Bemerkungen zu dem un-
publizierten Stück sind denn auch lediglich im Sinn einer
vorläufigen und flüchtigen Einordnung gemeint.
Dargestellt ist ein Falke!; der Vogel steht auf einer Schild-
kröte, die er in seinen Fängen hält. Die Figur des Tieres ist
mit einem Detailrealismus sondergleichen durchartikuliert —
das Flaumige der Federn kommt zu sinnlicher Veranschau-
lichung: ein ornamentales Netz von Hebungen und Senkun-
gen rhythmisiert die Oberfläche, das nirgends aussetzt, nir-
gends eine leere, flaue Stelle duldet. Von ihm hebt sich als
formaler Gegensatz die grätig lineare, zügig vereinfachte
Struktur der Flügel und des Schwanzes ab. Aber trotz dieser
liebevoll eingehenden Schilderung der stofflich-materiellen
Reize, die die farbige Fassung — rot, gelb, blau — ins täu-
schend Illusionistische erhöht, verliert sich das Schnitzmesser
an keiner Stelle ins kleinteilig Knifflige, belanglos Deskriptive;
die plastisch straffe, gespannte körperliche Grundform bleibt
überall gewahrt, und sie kommt vor allem zur Geltung in der
ragend stolzen, gleichsam emblematisch oder heraldisch stili-
sierten Haltung des Tieres und in den schnittig scharfen Kon-
turen, die, beispielsweise in der Vorderansicht, nicht auf lang-
weilige Symmetrie, sondern auf belebte Spannungskontraste
hin angelegt sind. Oben schafft der präzis durchgeformte Kopf
mit der Wölbung des Schnabels einen Abschluß. in dem diese
Holz, bemalt, Fassung teilweise alt; die Beine des Falken und die Glieder der
Schildkröte modern ergänzt. Höhe: 62 cm.
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