Linie und Form sind in dieser Erscheinung aus Farblicht versunken. Die
Farborchestrierung vermeidet die Kontraste. Sie sucht eher die auf dem
Farbkreis benachbarten Farben zu instrumentieren, lenkt die Farbent-
wicklung zum Beispiel von Rot zu Braun zu Violett oder von Rot zu
Orange oder von Blau zu Grün.
Ich habe mich immer gewundert, warum Rothko es beharrlich ablehnte,
als «Kolorist» zu gelten. Er wollte wohl damit sagen, daß er nicht — im
Sinne des «wahren» Koloristen — mit der ganzen Breite des Farbkreises
und seiner Komplementärkontraste arbeitete, sondern — um der schwe-
benden Spiritualität seiner Farbklänge willen — die Farbpassagen mehr
bevorzugte als die Kontraste. Natürlich ist er ein Kolorist, und ein glän-
zender dazu: denn allein die Farbe und ihr Licht trägt und bestimmt das
Bild, Freilich ist seine Absicht nicht auf den schönen und für sich selbst
gültigen Farbzusammenklang gerichtet wie bei Matisse, sie ist auf die
suggestiven Klänge gerichtet, die jene Entzifferungen ermöglichen, an
deren Ende das Mythische und Sakrale erscheint.
Dieser Umgang mit der Farbe bewirkt, daß aus den einzelnen Farbkom-
partimenten jener schwebende immaterielle Generalton erscheint, aus
dem die einzelnen Farbindividualitäten mehr heraufdämmern als sich
wirklich materialisieren. Dies wieder bewirkt das merkwürdige Nach-
glühen der Farbe, das man auch dann noch mit sich trägt, wenn man sich
längst von einem Bilde Rothkos abgewandt hat.