Full text: Jahresbericht 1971 (1971)

Brief vom Februar 1970 an den Schreibenden hat Antes allen Mutmaßun- 
gen die Spitze genommen. Er sagt von seiner Figur: Sie muß «allein 
tragen. und ertragen, ist Träger, Matrize... Die Einzelfigur ist nur dem 
Betrachter konfrontiert, und dieser ihr. Die Einzelfigur ist Negativform, 
ist Stigma, nimmt auf, erleidet Farbe, Schraffur, Gedanken, Zitat, Zeit, 
Geschichte und den Streit mit der Laune der Gegenwart, ist Speicher, der 
aufnimmt und abgibt.» Und weiter: «Ich belade und entlade meine 
Figur symbolisch, sentimental, organisch, geschichtlich, ich fülle sie an 
und entleere sie mit Anspielungen, Gesten, Gedanken, Spekulationen, 
Wünschen und Ängstlichkeiten. Ich mache mir ein Bild, ich mache mir 
jemanden als Gleichnis, Partner, Spiegel. Ich vervielfache mich, behaupte 
mich, nehme in Besitz, erkenne mich und durch mich etwas...» 
Die Figur bedeutet also nicht Chiffre, sondern ein Gegenüber, das Antes 
sich herstellt; ein Gesprächspartner, dem er etwas erzählen, mitteilen, 
aber auch abnehmen kann. Eine Art Gegen-Ich. Es soll hier nicht vom 
Leben dieser Antesschen Figur berichtet werden, von ihren Erfahrungen, 
Erlebnissen und Leiden, von den andern F iguren, mit denen sie gelegent- 
lich in Berührung kam, von den Räumen, in denen sie sich bewegt oder 
in die sie eingeschlossen ist, von den Gegenständen, deren sie sich bedient 
oder zu erwehren hat. Gegenstände spielen als Attribute und als Partner 
der Figur eine große Rolle; sie üben für einige Zeit ihre Ding-Herrschaft 
aus, verschwinden wieder, werden von anderen Gegenständen abgelöst: 
Vogel und Brief, Mühlstein, Würfel, Treppe, Stab, Kugel oder Ball, 
Leiter und gebogenes Rohr, um nur einige zu nennen. Die Profilfigur 
selbst ist fast immer maskiert, trägt vor ihrem Gesicht ein zweites, larven- 
haftes, als eine Art Visier, oder sie schützt ihren Kopf durch helmartige 
Kopfbedeckungen, Hüte und Kappen. 
Unter den neueren Arbeiten von Antes, deren thematischer Reiz darin 
liegt, daß sie die Lebens- und Verwandlungsfähigkeit einer eigentlichen 
«Kunstfigur» zeigen, nimmt das neuerworbene Bild der Sitzfigur eine 
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