Full text: Jahresbericht 1980 (1980)

«Kubismus war eine Schule der Malerei, Futurismus 
eine politische Bewegung; Dada ist eine Geistes- 
haltung. Eine gegen die andere auszuspielen verrät 
Unkenntnis oder Unwahrhaftigkeit. Religiöses 
Freidenkertum hat keine Ähnlichkeit mit einer Kirche. 
Dada ist künstlerisches Freidenkertum). 
Dennoch lässt sich aus der Distanz von gut sechzig 
Jahren nachweisen, dass die Dada-Künstler von den 
unmittelbar vorangegangenen stilistischen Erfah- 
rungen nicht unbeeinflusst geblieben sind. Diese 
Feststellung trifft insbesondere in bezug auf die 
Zürcher Gruppe zu. 
Bei der Gründung des Cabarets Voltaire, des Tum- 
melplatzes verrückter Emotionen)», wie sich Hugo Ball 
geäussert hat, standen literarische und musikalische 
Veranstaltungen im Vordergrund. Mit der 1917 von 
Hugo Ball und Tristan Tzara eröffneten Galerie Dada 
in den Räumen der Galerie Coray an der Bahnhof- 
strasse 19 verlagerte sich das Interesse zugunsten 
der bildenden Kunst. Die ersten zwei Ausstellungen 
galten dem Expressionismus, vor allem Kandinsky 
und Klee, während die Maler der «Brücke» als zu 
deutsch empfunden wurden. Man war darauf 
bedacht, abstrakte Kunst auszustellen, die als einzig 
wahrhaft internationale, moderne Malerei galt. 
Trotz der Reserve dem Expressionismus gegenüber 
bleibt festzustellen, dass insbesonders Hans Richters 
damalige Bilder und Zeichnungen weitgehend von 
dieser Stilrichtung geprägt waren, während Marcel 
Jancos Gipsreliefs die Formensprache des Kubismus 
weiterentwickelten. Als zwischen den beiden Stil- 
richtungen liegend, sind die Gemälde um 1917 von 
Christian Schad anzusprechen. Zweifellos war 
neben Sophie Taeuber, die mit ihrem Schaffen, 
Nicht zuletzt mit Triptychon»; das vor langen Jahren 
als Schenkung von Hans Arp Eingang in unsere 
Sammlung gefunden hat, den Grundstein zur Ent- 
wicklung der geometrischen Kunst in der Schweiz 
gelegt hat, Hans Arp die herausragende Figur der 
Zürcher Gruppe, der in jenen Jahren mit seinen 
Reliefs, Collagen, Tuschzeichnungen jene vieldeutig 
biomorphen Formen entwickelt hat, die nicht mehr 
Gegenstände im eigentlichen Sinne beschreiben, 
sondern viel mehr Assoziationen an bio-, zoo- und 
antropomorphe Formen auslösen. Damit versuchte 
Arp, den inneren Gehalt hinter der Oberfläche der 
Dinge zu erforschen, seine Liebe zur Poesie in die 
bildende Kunst zu übertragen. 
Gegenüber der Zürcher Gruppe war die Protesthal- 
tung der New Yorker radikaler; man denke an 
Duchamps Verweigerungsgeste der Malerei gegen- 
über, an Picabias Maschinenbilder sowie seine aus 
zufälligen Materialien komponierten Collagebilder, 
aber auch vor allem an Man Rays Photogramme, die 
durch direkte, kameralose Belichtung von Photo- 
papileren entstanden sind. 
Die Berliner Kundgebungen übertrafen die Zürcher 
mit ihrem sozialkritischen Engagement; Dada Berlin 
war der Versuch, die Hoffnung auf eine Übertragung 
der Kunst ins Leben mit revolutionär-politischen 
Mitteln zu realisieren. Die Dada-Orte Köln und Han- 
nover waren Im Gegensatz zu Berlin nicht von einerr 
entschlossenen Kollektivismus geprägt, sondern im 
Wesentlichen geformt durch das Wirken von zwei 
herausragenden Künstlern, von Max Ernst und Kurt 
Schwitters, In Paris schliesslich wandte sich der 
Dadaismus unter dem Einfluss von Tristan Tzara ver 
mehrt wieder literarischen Bereichen zu, bevor sich 
die Gruppe durch den aufkommenden Surrealismus 
auflöste; im surrealistischen Manifest von Andre 
Breton hat dieser ein Credo entwickelt, was dem 
dadaistischen Geist widersprach. 
Alle diese in sich unterschiedlichen und zum Teil 
widersprechenden Auffassungen darzustellen, ist Ziel 
der Zürcher Dada-Sammlung. Besonders ausführlich 
vertreten ist das Wirken der Zürcher Gruppe, deren 
Hervorbringungen im Gebiet der bildenden Kunst 
am zahlreichsten waren. Das bis heute Erreichte dar 
nicht als ein für allemal abgeschlossenes Ganzes 
betrachtet werden, sondern als ein ausbaufähiger 
Kern, denn nach wie vor sind in unserer Sammlung 
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