wusstes mitspielt. Überhaupt ist ja das spontane
Rauslassen bei Ihnen eine Methode, die in allen Me-
dien, die Sie ausüben, immer wieder zum Ausdruck
kommt: auch im Video und in der Musik. Es kommt
ja im Grunde nicht auf das Medium an, die
Methode ist immer die gleiche.
DR Das Sich-fallen-Lassen, Sich-gehen-Lassen, ja
UP Und damit etwas befreien, was allein durch
die Ratio nicht möglich wäre.
DR Kann sein. Früher habe ich immer gedacht,
dass ich so was mache wie der Paul Klee. Dann
hab ich gemerkt, dass das gar nicht geht, dass das
scharf daneben haut. Dann hab ich mich gehen las-
sen. Ich hab auf den Lithostein geschmiert. Später
habe ich gemerkt, dass das auch gar nicht so übe!
war, dass das akzeptabel war, dieses Geschmier,
dieses Wütende, so wie man auf den Boden
stampft und sagt: Scheisse. Damals hab ich nur ge-
schmiert, weil ich das Gefühl hatte, das schaut so-
wieso niemand an, das machst du ganz einsam,
verzweifelt schmierst du das alles zu. Ich hab auch
nur einen Abzug gemacht und die meisten Abzüge
auch noch verloren. Dann habe ich gemerkt, das ist
eine gute Technik. Diese Sachen kann man alle ver-
werten. Nur nicht zu sehr schmieren.
UP Da wurde es dann eine richtige Methode.
DR Das ist mein Kreuz, dass ich aus allem eine
Methode machen kann und dass ich damit durchs
Leben komme. Ich profitiere davon.
UP Aber trotzdem haben Sie auch immer ver-
sucht, davon loszukommen. Zum Beispiel wenn Sie
mit zwei Händen gleichzeitig malen, das ist ja auch
wieder eine Möglichkeit, das Perfekte zu umgehen.
DR Das hilft ja nichts, es wird trotzdem perfekt.
Perfekt natürlich nur bis zu einem gewissen Grade.
UP Dann haben Sie ja auch viel mit anderen Ma-
terialien gedruckt oder «gepresst), wie Sie es nen-
nen, zum Beispiel Schokolade, Bonbonpapier, Spie-
geleier usw. Spiegeleier, ausgedrückte Spiegeleier
wirken ja irgendwie...
DR Wie Gekotztes.
UP Ja, nicht? Was Ekliges und...
DR Ja, ich hab mich dann langsam an das Eklige
rangetastet.
UP Die sehen aber zum Teil doch auch schön aus
DR Es wird alles ästhetisch mit der Zeit.
UP Das stimmt. Man kann es noch so eklig mei-
nen, es wird auf die Dauer doch ästhetisch.
DR In dem Augenblick, wo man selber den Ekel
erlebt, da ist es auch eklig.
UP Aber haben Sie bei der Gelegenheit den Ekel
erlebt?
DR Nein, das war ein Spiel, wie im Kindergarten
alles Zermantschen wie im Kindergarten, wie im
Sandkasten.
UP In dem Sinne könnte man sagen, dass dieses
Ausprobieren der Materialien auch irgendwie ein
Nacherleben der Kinderzeit bedeutet.
DR Ja, das kann man sagen, das hat Spass ge-
macht.
UP Sie haben wiederholt mit andern Künstlern zu-
sammen Graphik gemacht. Wie läuft so eine Zu-
sammenarbeit ab, ist die anregender, als wenn Sie
allein arbeiten würden?
DR Die Sache ist besser, weil ich unmittelbar das
Gefühl haben kann, es hat jemand mein Klagelied
gehört und verstanden. Währenddem, wenn ich das
so in Büchern schreibe, habe ich gemerkt, dass das
die wenigsten überhaupt lesen. Wenn ich mit den
Leuten arbeite, dann müssen sie ja erkennen, dass
da was los ist. Und dieses traurige Klagelied, das
ich da gerne singen möchte, das wird eben dann
gehört von denen. Und sie sagen: Ja, ist recht so,
das Klagelied, und das wollen die von mir auch ha-
ben. Man ist nicht so allein. Die können den Ton
verstehen. Mich interessiert das Echo.
Ursula Perucchi-Petri
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