Volltext: Jahresbericht 1981 (1981)

(Carriere aux environs de Pontoise) ist im Jahre 
nach der Bekanntschaft mit Cezanne entstanden 
und lässt gleichermassen die Auseinandersetzung 
mit Pissarro wie mit C6zanne erkennen. Der «Virgu- 
lisme», das heisst der in einzelne kleine Striche zer- 
legte Farbauftrag, ist insbesondere in der den 
grössten Teil der Bildfläche in Anspruch nehmenden 
Darstellung von Wiese und Hügel noch ungebro- 
chen impressionistischer Malweise nachempfunden 
Die harte Konturierung der Felspartie, die scharfe, 
etwas künstlich wirkende, höhlenartige Öffnung 
zeugen jedoch bereits von einem Formempfinden, 
das, die Lehren Pissarros hinter sich lassend, eine 
erneute Stabilisierung des Bildaufbaues ankündet. 
Bei der Felspartie scheinen ohnehin kompositionelle 
Überlegungen das Naturvorbild zu überlagern; be: 
sonderer Erwähnung bedarf jedenfalls der recht 
merkwürdige Umstand, dass der ganze Felskeil 
offensichtlich nur wenige Meter dick sein kann, 
dass der Durchstich den Blick ins Freie auf der 
andern Seite in einer kleinen Dreieckform gerade 
noch erlaubt. 
Ist es angezeigt, die Wahl dieses Landschaftsmotivs 
sowie insbesondere diejenige des Standortes psy- 
chologisierend zu deuten? Die Versuchung dazu ist 
gross: Gauguin stand 1882 vor der ihn bedrängen- 
den Frage des Berufswechsels —- sein geistiger 
Standort erlaubte noch nicht den Blick in die Zu- 
kunft. Ahnte er nach dem Leidensweg durch einen 
dunklen Durchgang die Vision einer Zukunft, die ihn 
in wörtlichem wie übertragenem Sinne zu neuen 
Ufern führen wird? 
Merkwürdig: in unserem Gemälde legt sich der im- 
pressionistisch gemalte Hügel wie eine Barriere ins 
Bildganze: eine Metapher dafür, dass Gauguin be- 
reits 1882 keinen Weg mehr für ihn im Impressio- 
nismus sah? Der Felsdurchstich hingegen — die un- 
gewisse Zukunft, die ein mögliches Ziel erahnen 
lässt: hier beginnt sich Gauguins persönliche Mal- 
weise anzukünden, hier nimmt er malerische Erfah- 
rungen vorweg, die ihn noch Jahre später in der 
Bretagne beschäftigen werden. 
ıst diese vielleicht etwas gewagte Interpretation zu 
lässig, so entpuppt sich dieses Bild, das zunächst 
nur einen banalen Landschaftsausschnitt vorstellt, 
dem jegliche <pittoreske) Qualität abgeht, plötzlich 
voller verhaltener Andeutungen und verschlüsselter 
Symbole - Jahre später wurde Gauguin zu einem 
der ausschlaggebenden Wortführer des Symbolis- 
MUS. 
Aber auch ganz abgesehen von solchen möglichen 
Beziehungen: «Carri&re aux environs de Pontoise) ist 
- ausschliesslich für sich allein stehend - ein faszi- 
nierendes Gemälde: gross, beinahe monumental in 
der formalen Gestaltung, meisterhaft in der nuan- 
cenreichen Oberflächenbehandlung; hermetisch und 
streng, ein Bild, das auf jedes anekdotische Detail 
verzichtet, das dem eiligen Beobachter kein sich an- 
oiederndes Motiv bereithält; ein Bild, das von einem 
Maler stammt, der zwar noch keine einheitliche 
Bildsprache gefunden hat, der jedoch bereits selbst- 
Jewusst auftritt. 
A 
Indessen: welch ein stilistischer Unterschied zum 
Gemälde «La Barriere», das 7 Jahre später entstan- 
den ist, das somit der ersten Reifezeit, die Gauguin 
in der Bretagne erreicht hat, entstammt. 
1886 liess er sich erstmals in Pont-Aven in der Bre- 
tagne nieder, 1887 suchte er zum erstenmal die 
Südsee auf; er weilte auf La Martinique, kehrte 
jedoch 1888 wieder in die Bretagne zurück, wo er, 
abgesehen von dem folgenschweren Aufenthalt in 
Arles, der mit der oft erzählten Katastrophe zwi- 
schen van Gogh und Gauguin ein abruptes Ende 
fand, und abgesehen von kürzeren Aufenthalten in 
Paris, bis zum Sommer 1891 blieb. In diesen Jahren 
nat sich Gauguins Abwendung vom formauflösen- 
den, die Oberfläche betonenden Impressionismsus 
endgültig vollzogen. Die Überwindung des Impres- 
sionismus lässt sich bei Gauguin allerdings nicht 
nur in formaler Hinsicht ablesen; gleichermassen 
bedeutend ist bei ihm eine thematische Neuorientie- 
rung. 
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