seinen Geldnöten eher entgegen als in der Haupt-
stadt -, so ist doch viel wesentlicher, dass er als
Zivilisationsflüchtling den unverdorbenen, nicht ge-
sellschaftsgeprägten Menschen suchte, was ihn mit
zahlreichen Zeitgenossen verband; man denke nur
an Wilhelm Leibls Rückzug in kleinste Ortschaften
wie Aibling in Oberbayern, an Paula Modersohns
Worpswede, an das Fehmarn der deutschen Ex-
pressionisten. Es ging um die Suche nach dem ver-
lorenen Paradies - das Gauguin in der Bretagne zu
finden hoffte und schliesslich auf Tahiti nicht finden
konnte. Schon im Sommer 1890 schrieb er in bezug
auf Tahiti: «Ich lebe hier noch in der Hoffnung auf
dieses gelobte Land... wo das materielle Leben auf
Geld verzichten kann... Unter einem winterlosen
Himmel, auf einem Boden von wunderbarer Frucht:
barkeit braucht der Tahitaner nur den Arm zu he-
ben, um seine Nahrung zu pflücken, darum arbeitet
er nie. Die Tahitaner, glückliche Bewohner der un-
bekannten Paradiese Ozeaniens, kennen nur die An-
nehmlichkeiten des Lebens. Für sie bedeutet das
Leben Singen und Lieben.»? Dass das Leben für
Gauguin aus einer solchen zugegebenermassen
etwas naiven Erwartungshaltung heraus im gelob-
ten Land ein gerütteltes Mass an Enttäuschung be-
reithalten musste, liegt auf der Hand. Nun ist freilich
Gauguin nicht nur der ahasverische Wanderer auf
dem endlosen Weg zum irdischen Paradies gewe-
sen; seine Fähigkeit des Mit-Leidens, nicht des Mit-
leids, sondern physische wie psychische Schmer-
zen in bildhafte Form umzusetzen, macht ihn
menschlich zum ganz grossen Künstler. Ganz abge-
sehen davon, dass sein Cloisonnisme, der später
auch Synthetismus genannt wurde, wegbereitend
für den Jugendstil, den Symbolismus, aber auch
den Fauvismus und den Expressionismus geworden
ist. Das sichert ihm stilgeschichtlich einen hervorra-
genden Rang in der Kunstgeschichte — seine letzt-
lich wohl auf einer Grundstimmung der Melancholie
basierende Menschlichkeit, sein Suchen nach einer
absoluten Schönheit und die damit verbundenen
Rückschläge, seine Paradies- und Todessehnsucht
bedeuten letztlich mehr. Felix Baumann
ANMERKUNGEN
ı Wladyslawa Jaworska, Paul Gauguin et l’Ecole de Pont-Aven,
Neuchätel 1971, weist Seite 11 gestützt auf Charles Chasse
darauf hin, dass Gauguin abrupt entlassen worden sei, während
in der älteren Literatur der folgenschwere Entscheid als freiwil-
'ıg dargestellt wird.
Der (Euvre-Katalog von Georges Wildenstein, Paris 1964, datiert
die ersten Bilder Gauguins ins Jahr 1871.
3 Jaworska, a.a.0., Seite 11.
' Zitiert nach: John Rewald, Gauguin, Paris 1939, Seite 7.
5 Georg Schmidt, Gauguin, Bern 1950. Seite 13.
5 Wildenstein, a.a.O0., Seite 135.
Zitiert nach: Schmidt, a.a.O0., Seite 18.
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