Volltext: Jahresbericht 1981 (1981)

seinen Geldnöten eher entgegen als in der Haupt- 
stadt -, so ist doch viel wesentlicher, dass er als 
Zivilisationsflüchtling den unverdorbenen, nicht ge- 
sellschaftsgeprägten Menschen suchte, was ihn mit 
zahlreichen Zeitgenossen verband; man denke nur 
an Wilhelm Leibls Rückzug in kleinste Ortschaften 
wie Aibling in Oberbayern, an Paula Modersohns 
Worpswede, an das Fehmarn der deutschen Ex- 
pressionisten. Es ging um die Suche nach dem ver- 
lorenen Paradies - das Gauguin in der Bretagne zu 
finden hoffte und schliesslich auf Tahiti nicht finden 
konnte. Schon im Sommer 1890 schrieb er in bezug 
auf Tahiti: «Ich lebe hier noch in der Hoffnung auf 
dieses gelobte Land... wo das materielle Leben auf 
Geld verzichten kann... Unter einem winterlosen 
Himmel, auf einem Boden von wunderbarer Frucht: 
barkeit braucht der Tahitaner nur den Arm zu he- 
ben, um seine Nahrung zu pflücken, darum arbeitet 
er nie. Die Tahitaner, glückliche Bewohner der un- 
bekannten Paradiese Ozeaniens, kennen nur die An- 
nehmlichkeiten des Lebens. Für sie bedeutet das 
Leben Singen und Lieben.»? Dass das Leben für 
Gauguin aus einer solchen zugegebenermassen 
etwas naiven Erwartungshaltung heraus im gelob- 
ten Land ein gerütteltes Mass an Enttäuschung be- 
reithalten musste, liegt auf der Hand. Nun ist freilich 
Gauguin nicht nur der ahasverische Wanderer auf 
dem endlosen Weg zum irdischen Paradies gewe- 
sen; seine Fähigkeit des Mit-Leidens, nicht des Mit- 
leids, sondern physische wie psychische Schmer- 
zen in bildhafte Form umzusetzen, macht ihn 
menschlich zum ganz grossen Künstler. Ganz abge- 
sehen davon, dass sein Cloisonnisme, der später 
auch Synthetismus genannt wurde, wegbereitend 
für den Jugendstil, den Symbolismus, aber auch 
den Fauvismus und den Expressionismus geworden 
ist. Das sichert ihm stilgeschichtlich einen hervorra- 
genden Rang in der Kunstgeschichte — seine letzt- 
lich wohl auf einer Grundstimmung der Melancholie 
basierende Menschlichkeit, sein Suchen nach einer 
absoluten Schönheit und die damit verbundenen 
Rückschläge, seine Paradies- und Todessehnsucht 
bedeuten letztlich mehr. Felix Baumann 
ANMERKUNGEN 
ı Wladyslawa Jaworska, Paul Gauguin et l’Ecole de Pont-Aven, 
Neuchätel 1971, weist Seite 11 gestützt auf Charles Chasse 
darauf hin, dass Gauguin abrupt entlassen worden sei, während 
in der älteren Literatur der folgenschwere Entscheid als freiwil- 
'ıg dargestellt wird. 
Der (Euvre-Katalog von Georges Wildenstein, Paris 1964, datiert 
die ersten Bilder Gauguins ins Jahr 1871. 
3 Jaworska, a.a.0., Seite 11. 
' Zitiert nach: John Rewald, Gauguin, Paris 1939, Seite 7. 
5 Georg Schmidt, Gauguin, Bern 1950. Seite 13. 
5 Wildenstein, a.a.O0., Seite 135. 
Zitiert nach: Schmidt, a.a.O0., Seite 18. 
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