Volltext: Jahresbericht 1981 (1981)

LASZLO MOHOLY-NAGY, LIS, 152. 
Ein Bild, das schnell fasziniert. Der Betrachter er- 
lebt spontan eine Vielzahl geometrischer Zeichen 
das spannungsvolle Miteinander von Horizontal- 
und Vertikalstrukturen und einer grossen Kreis- 
scheibe. Er erlebt eine reich nuancierte, farbige 
Bildfläche und die räumliche Durchdringung ver- 
schiedener Bildebenen. Das wie Milchglas schim- 
mernde, rosa getönte Kreisrund, optisches Zentrum 
des Werkes, überlagert andere Farben, weckt den 
Eindruck von Transparenz und Schwerelosigkeit, 
von Durchlässigkeit der Materie. Das in Öl auf Lein- 
wand gemalte Tafelbild von repräsentativer Grösse 
- 131 cm Höhe, 100 cm Breite - tritt wie ein Schau- 
und Lehrstück auf, das Programm des Künstlers de- 
monstrierend: Licht, Farbe und Raumebenen in ele- 
mentarer Abstraktion. Ein Werk, das von Wissen- 
schaft und Intuition gleichermassen bestimmt, von 
Aufbruchpathos durchströmt scheint. Es fasst die 
Postulate des frühen Konstruktivismus gültig zusam- 
men. Ein Bild mit aussergewöhnlicher Strahlkraft. 
Über Wien kam der 1895 geborene Laszlo Moholy- 
Nagy 1920 nach Berlin, einer Haupstadt der interna- 
tionalen Avantgarde. Er kam aus den Schützen- 
gräben des Ersten Weltkriegs, aus dem kurzen 
Höhenflug der ungarischen Räterepublik, ein Auto- 
didakt, ein ewiger Emigrant. Er gehörte zur ungari- 
schen Künstlergruppe und Zeitschrift «MA, 
(= Heute). Sein eigener, Stil entwickelte sich im 
Spannungsfeld suprematistischer, konstruktivisti- 
scher und dadaistischer Impulse. Er kannte Male- 
witsch, Lissitzky, Doesburg, Schwitters; im Oktober 
1921 hatte er mit Hausmann, Arp und Puni den 
(Aufruf zur Elementaren Kunst) unterzeichnet. 1922 
sah er in Berlin die «1. Russische Kunstausstellung) 
und war im selben Jahr auf dem «Kongress der In- 
ternationalen Progressiven Künstlern in Düsseldorf 
und dem «Konstruktivisten-Dadaisten-Kongress) in 
Weimar. Innert kurzer Zeit zählte er zu den Leitfigu- 
ren der internationalen Avantgarde. 
«Die Wirklichkeit unseres Jahrhunderts ist die Tech 
nologie: die Erfindung, Konstruktion und Wartung 
von Maschinen. Maschinen benutzen heisst im 
Geist des Jahrhunderts zu handeln», schrieb er 1922 
in «MA;».1 Schon auf dem Tafelbild «Die grosse Ge- 
fühlsmaschine»,» (1920) verwendete er Fabrik- und 
Schiffsarchitektur, Räder und Signale, Nummern 
und Buchstaben als Chiffren moderner Zivilisation 
Dieser Darstellung der «Mechanisierung der Ge- 
fühle» entspricht die Überzeugung, dass nur die 
«Hingabe an das Kollektiv» ein besseres Leben ver- 
spricht. In der Malerei sucht er nun <objektive, 
grundlegende Verhältnisse», er beschwört den Kon- 
struktivismus als den «Sozialismus des Sehens. In 
ihm findet die reine Form der Natur ihren Ausdruck 
— die ungebrochene Farbe, der Rhythmus des Rau- 
mes, das Gleichgewicht der Formen.»2 
Er interessiert sich gleichermassen für die neuen 
Medien, entwirft 1921/22 das Filmmanuskript 
«Dynamik der Grosstadt», beschäftigt sich mit Typo- 
graphie, Holzschnitt, Photomontagen. Mit seiner 
Frau Lucia entdeckt er in der ersten Berliner Zeit die 
kameralose Photographie, das Photogramm, was 
ihn auf die folgenreiche Formel <Licht als Gestal- 
tungsfaktorn bringt. Die Experimente mit Metall- und 
Glasplastiken führen ihn zum kinetischen Objekt, vor 
allem zur Entwicklung des berühmt gewordenen 
<Lichtrequisits» (1930). Nun ist er selber der Künstler 
des Lichts, das er 1917 mitten aus dem Dunkel des 
Kriegs, verwundet in einem Lazarett liegend, im Ge: 
dicht «Licht-Viston> prophetisch beschworen hatte: 
«Aber der Menschen Geist, so traurig klein. 
Durchbrach die Dunkelheit des Nichts und 
band 
Materie, Raum und Zeit an die Konturen 
des Lichts, 
Des ewigen Lichts, das Licht des lebendigen 
Lebens. 
Das Nichts, vergebens ausgemessen 
In Zeit und Raum, wandelt den verdunkelten 
Menschen - 
CC
	        
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