Volltext: Jahresbericht 1981 (1981)

Licht, totales Licht, schafft den totaleı. 
Menschen.)>3 
Noch bevor er 1923 von Gropius ans Staatliche 
Bauhaus Weimar geholt wird, ist die Ausbreitung 
seines künstlerischen Spektrums vollzogen. Das Bild 
<«LIS» bedeutet Höhepunkt und Abschied vom tradi- 
tionellen Tafelbild. Im gleichen Jahr bestellt er in 
einer Fabrik aus Prozellanemaille gefertigte Bilder 
gleicher Komposition und Farbgebung in verschie- 
denen Grössen. Er war davon so begeistert, dass er 
ausrief: «Das hätte ich sogar telefonisch machen 
könnenh4 Die berühmten <Telefonbilder» stellen aber 
weniger Inkunabeln der Konzeptkunst als die ge- 
glückte Verbindung von Kunst und fabrikmässiger 
Produktion dar. Bald wird er auf Aluminium- und 
Kunststoffplatten arbeiten und die Farbe aufspritzen 
oder einritzen, dann wendet er sich vorübergehend 
ganz von der Malerei ab. 
«LIS» ist (noch) von Hand gemalt, mit Pinsel und Öl 
auf Leinwand. Es gehört zu den grössten Formaten 
der frühen Jahre, und es ist in Komposition und Far- 
bigkeit das komplexeste Werk. Sein Titel weicht von 
den in dieser Zeit gewählten Bezeichnungen mit 
Buchstaben und Nummern deutlich — und rätsel- 
haft —- ab.5 Eine exakte Analyse der komplizierten 
Bildstruktur könnte wohl zeigen, wie sehr sich die 
zarte Harmonie des vielfarbigen Bildganzen aus der 
Verbindung spannungsreicher Beziehungen ergibt. 
Ein rektanguläres Liniensystem gliedert die Fläche, 
ein ruhiges Grundsystem von drei horizontalen und 
einem vertikalen schwarzen Balken (wie in seinen 
typographischen Arbeiten), das über die Bildbegren- 
zungen hinaus weist. Dem wie die Kreisscheibe mit 
leichtem Glanz gemalten Linienkreuz sind wiederum 
sich vielfach überschneidende, an Architektur und 
Kinetik (Eggeling, Richter) erinnernde Bündel von 
Farbstreifen zugeordnet. Eine zweite Kreisform liegt 
versteckt in der linken oberen Bildzone, nur als 
Zeichnung und am hellgrün-weissen Farbwechsel 
eines vertikalen Streifens ersichtlich. Durch die 
transparente Schichtung des Kompositions- und 
Farbgefüges in verschiedene Ebenen (die Kreis- 
scheibe liegt «vor» der Bildfläche, wobei wiederum 
der dunkelblaue, ebenfalls glänzende Vertikal- 
streifen in ihrem linken oberen Viertel noch näher 
beim Betrachter steht) tritt eine Spannung ins Bild, 
die sich von den virtuellen Erscheinungen der 
mMilchig-durchlässigen (Glas-)Kreisscheibe, dem er- 
wähnten zweiten Kreis und der sich überlagernden 
Farbstruktur herleitet. 
Hier formuliert sich nun das zentrale bildnerische 
Mittel der Transparenz, die malerische Thematisie- 
rung des Lichts. Mit der Entdeckung der Transpa- 
renz wird Moholy-Nagy sich eines mehrdimensiona 
'en raum-zeitlichen Kontinuums bewusst, in wel- 
chem das Tafelbild lediglich einen Umweg anstelle 
des «Malens» mit direktem Licht (Photogramm, 
Lichtplastik) bedeutet. Auf seinem Weg, das Farb- 
digment entweder ganz zu eliminieren oder es so 
weit zu sublimieren, dass das optische Erlebnis pri- 
när durch Licht vermittelt wird, bezeichnet das 
3ild <«LIS> eine Stelle, wo die Farben durch transpa- 
‚ente Übereinanderschichtung und Veränderung im 
3ereich der Kreiszone tendenziell aufgehoben wer- 
den und sich ein Licht-Effekt im Durchschimmern 
aller Schichten einstellt. Die abgestuften Grau- und 
Blautöne und die reinen Farben ausserhalb der 
Scheibe verändern sich innerhalb ins Pastellfarbene 
und Lasierende. Die einzelnen Farbstreifen verlaufen 
von Schwarz zu Grau, von Weiss zu Rosa, von Zinn- 
aber- zu Lachsrot. So erscheint die Kreisscheibe 
trotz allen kontrastierenden Farbwerten, von der 
vorwiegend matten Bildfläche mit leicht glänzender 
Jberfläche abgesetzt, als einheitliche Quelle des 
Lichts. «Farbe, die ich bis dahin hauptsächlich unter 
dem Aspekt ihrer illustrativen Möglichkeiten be- 
trachtet hatte, wurde in eine Kraft mit hohem 
Aaumpotential umgewandelt und geladen mit emo- 
tionellen Qualitäten »7 
Emotionelle Qualitäten - Lucia Moholy verweist 
darauf, dass ihr damaliger Lebensgefährte sich vor 
allem durch «Stärke des Instinkts, Sicherheit der In- 
an
	        
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