Volltext: Jahresbericht 1982 (1982)

A.R. PENCK, TRR, 1982 
Eine Unterhaltung 
C: Obwohl das Gemälde «TRR» im Rahmen der Kunst 
Pencks ungewöhnlich vielfarbig ist, glaube ich, dass wir 
hier eine typische Schwarzweiss-Malerei vor uns ha- 
ben: und dies sowohl formal —- von links schreiten zierli- 
che schwarze Figuren auf Weiss zu einem grossen 
stierköpfigen, weiss konturierten schwarzen Moloch — 
als auch inhaltlich, indem der lockeren Gestik links eine 
überdeutliche Darstellung der Unterwerfung und Unter- 
drückung rechts entgegensteht. 
T: Kein Wunder: dies entspricht doch genau der spezi- 
fischen Tradition, in die sich Penck mit seiner «Stan- 
darb-Produktion, d. h. seiner Entwicklung eines eigenen 
Zeichensystems zur Formulierung grundlegender Ver- 
hältnisse, stellt. Von der steinzeitlichen Höhlenmalerei 
über ägyptische Hieroglyphik, antiken und anderen 
Mythologemen bis hin zu den Symbolen der Mathema- 
tik und der modernen Kybernetik. 
C: Also eine primitive, simplifizierende Formelnspra- 
che... 
T: ...die aber dank der unendlichen Kombinationsmög- 
lichkeiten der einzelnen Elemente und ihrer Sättigung 
mit vielfältigsten Assoziationen auch zum Ausdruck der 
komplexesten Verhältnisse geeignet ist. So ist auch 
die Aussage der weissen Seite unseres Bildes nicht nur 
positiv. Penck möchte dazu beitragen, den Komplex 
von «Tier, Krieger, Priester» zugunsten eines offeneren, 
freien und weniger aggressiven Menschen zu über- 
winden: nähern sich aber nicht die beiden grossen 
Figuren im kultischen Adorationsgestus dem Stier- 
wesen? Kontrastieren nicht die uniformen schwarzen 
Männlein links mit den lustigen farbigen rechts? 
C: Ob das nicht auf ein regressives Bedürfnis des 
modernen Menschen, sich seiner Freiheit zugunsten 
von einfachen, entlastenden Lösungen zu entäussern, 
hindeutet? Die affıirmativen Gleichheits- und Plus- 
Zeichen, die blauen, eine bergende Geschlossenheit 
ausdrückenden, «chinesischen» oder hieratischen Hiero 
glyphen, die Evokation kosmischer Ordnung durch den 
Mond, die klare, Identifikation und Selbstfindung so er- 
leichternde Rollenverteilung in den thronenden Herr- 
scher und den tierhaften Untertanen: das Bild einer 
archaischen Gesellschaft, von der der Einzelne nicht 
nur gefangen, sondern auch gehalten wurde. 
T: Der Vorgang lässt sich aber zugleich auch umge- 
kehrt sehen: dass die schwarzen Männchen die im Fin- 
stern gefangenen befreien möchten, aus ihrem Stollen 
herauspickeln. Ihre Aktivität symbolisiert Ja mit den 
Hämmern vor allem Arbeit - und Penck bemerkte, dass 
man gesellschaftliche Übelstände nur mit Arbeit ab- 
bauen kann - da lese ich Ja gerade bei der Reproduk- 
tion unseres Bildes im Documenta-Katalog: «Das ist 
alles Arbeit und Arbeit kann nicht schlecht sein. Denkt 
man, wenn man noch denkt.» Das antike Triskelis, das 
Dreibein» im Knielauf, auf das sich der Adlerköpfige 
stützt, ist Ja auch das archaische Zeichen für schnelle 
Bewegung. 
C: Die Beziehung der beiden Parteien spitzt sich offen 
sichtlich zu im Ring... 
T: ...der übrigens in der Abbildung im Katalog noch 
fehlt und folglich erst in letzter Minute ins Gemälde ge 
setzt wurde: wie ein Nasenring, mit dem man Bestien 
zähmt, wird er dem traurigen Stierkopf vorgehalten... 
C: ...zugleich wie das Lebenszeichen, das ebenso wie 
die Beilchen der folgenden Figur im ägyptischen Toten: 
tual der «Mundöffnung>» den erstarrten Osiris zu einerr 
neuen, besseren Leben erwecken: das Weiss dringt 
hier schon weit in den schwarzen Block ein. 
T+C: So wäre das Ideal die Vereinigung der positiven 
Aspekte beider Systeme und die Überwindung ihrer 
negativen Seiten. 
T: Und solche sind, wie bemerkt, durchaus auch links 
zu sehen, etwa in dem B-Kopffüssler, der in Korrespon- 
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