Volltext: Jahresbericht 1982 (1982)

denz zum Flügel des Adilermannes ein Automobil und 
ein goldgefülltes Unendlichkeitszeichen hochhält: of- 
fensichtlich eine «sekundäre» Figur, die durch ein Identi- 
tätszeichen der Hauptfigur zugeordnet wird. Aber ist 
bei dieser die Gestalt als Ganze ausgewogen, die die- 
nenden Flügel vom Haupt mit dem grünen (!) Auge 
überragt, so hypertrophiert bei der hinteren der auf ein 
Begriffsymbol reduzierte Kopf, während sich der tech- 
nisch manuelle Bereich weit über das Männlein hinaus: 
schwingt; dieses aber wird von unkontrollierten Ener- 
gieströmen durchschauert. 
C: Man wird an Wotan und seinen allzu listenreichen, 
viel Unheil schaffenden, raffiniert selbstherrlichen 
«Diener» Loge erinnert: Ohne Zweifel deutet dies auf 
Gefahren auch im weissen Bereich - gerade hier sind 
denn die schwarzen Einsprengsel im Hintergrund be- 
sonders dicht. 
T: Ein «falsches Bild, das zum Richtigen provozieren 
will: die zivilisatorischen Errungenschaften, welche das 
Urweltliche, das die Aggression als einziges Mittel zum 
Überleben kennt, überwinden sollen, sind nicht nur 
positiv gezeichnet, denn in ihrem Missbrauch oder un- 
kontrollierter Anwendung wenden sich die eigenen 
Mittel des Menschen gegen ihn selbst Vielleicht darf 
man dies auch in der durch ihre Animalität Freiheit 
versprechenden Adlerfigur mit den ausgebreiteten 
Schwingen angedeutet sehen. 
C: Weisst Du, ob man hierin einen Reflex der neuen Er- 
fahrungen Pencks sehen darf - 1980 wurde er ja von 
den DDR-Behörden ausgebürgert? 
T: Sicher ergeben sich aus dieser Verschiebung von 
Dresden nach Köln Probleme: seine verschlüsselte Zei- 
Chensprache entstand Ja unter den spezifischen Be- 
dingungen des solchen künstlerischen Äusserungen 
gegenüber repressiven ostdeutschen Systems, in dem 
seine Aussagen unstatthaft und die Formen nicht aner- 
kannt und folglich von dem staatlich monopolisierten 
Kunstvermittlungsapparat zurückgewiesen wurden. Ob 
sich für seine Kunst im Westen mit seiner permissiven 
Beliebigkeit nicht die Gefahr des Abgleitens ins Dekora 
tive ergibt? 
C: Er stand doch aber auch schon vorher in Beziehung 
mit dem Westen, etwa mit Baselitz oder mit Immen- 
dorff, dessen «Cafe Deutschland)» ja gewissermassen 
den Dialog mit Penck thematisierte. Ich erinnere mich 
noch gut an den befremdlichen Effekt, den diese Bilder 
bei ihrem ersten Auftreten in dem elitär auf die formal 
experimentierende Avantgarde ausgerichteten Basler 
Kunstmuseum machten: der Einbruch von Kunstmitteln 
des «sozialen Realismus» war wohl ein der Wirkung 
Pencks im Osten vergleichbarer Schock. Nun fällt aber 
seine Übersiedlung 1980 mit dem internationalen 
Durchbruch dieser neuen Figuration zusammen, mit 
der wieder unmittelbar Erlebbares die Kunst zu beleben 
beginnt. 
T: Rückblickend wird Penck zu einer Art Vaterfigur 
dessen, was man pauschal die «Neue Malerei» nennen 
kann, ähnlich wie etwa Baselitz oder auch Lüpertz, 
auf die sich das Augenmerk neu und stärker zu richten 
begann, seit sich die Entwicklung eben dieser «Neuen 
Malerei Ende der 70er Jahre abzeichnete. In der 
Reaktion auf eine Minimalisierung der Formensprache 
einerseits und eine zunehmende Konzeptualisierung 
der Bildenden Kunst andererseits zeigte ja diese Kunst- 
richtung, dass die Leinwand als abgesteckter Rahmen 
subjektiver Wirklichkeitserfahrung wiederum möglich 
st und dass dafür die ganze Spannweite von <«schlech- 
ten, das heisst anscheinend unprofessioneller Malerei 
Dis hin zum Dekorativen als Ausdrucksmittel eingesetzt 
wird. Dies sind Faktoren, die In der Bildfindung von 
Penck seit jeher - und dies jenseits von jeglicher Pole- 
mik —- eine Hauptrolle gespielt haben. Das spezifische 
Verständnis für seine Malerei wurde jedoch sicherlich 
erleichtert dadurch, dass die Betrachter mit Werken der 
jüngeren und jüngsten Künstlergeneration eine neue 
Optik entwickeln konnten. Dafür zeugt nicht zuletzt 
auch der Ankauf eines neuen Bildes von Penck für un- 
ser Museum. 
Christian Klemm 
Toni Stooss 
Ar
	        
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