Full text: Jahresbericht 1982 (1982)

diese wurde ihm von Magritte zum Vorwurf ge- 
macht, den Magritte sah in ihm mehr den Sozio- 
logen als den Künstler. 
Soziologische Realität spiegelt sich auch in Broodt- 
haers’ Druckgraphik. Persönlicher Ausdruck wird 
ausgelöscht durch Gesellschaftlich-Allgemeines; die 
Hand des Künstlers weicht der Maschine; Multipli- 
zierbarkeit verdrängt die Einmaligkeit des Originals. 
Die technische Reproduktion begann um 1900 nicht 
nur, sämtliche «überkommenen Kunstwerke zu 
ihrem Objekt zu machen und deren Wirkung den 
tiefsten Veränderungen zu unterwerfen», sondern 
sie eroberte sich («einen eigenen Platz unter den 
künstlerischen Verfahrungsweisen».2 Diese Aussage 
von Walter Benjamin trifft geradezu charakterisie- 
rend auf Broodthaers’‘ Druckgraphik zu, denn diese 
basiert fast durchwegs auf der technischen Repro- 
duktion und der Veränderung. So fügt Broodthaers 
den beiden Blättern «Musee-Museum) (1972), auf 
denen der Grundriss seines Museums in Brüssel ab- 
gedruckt ist, Kunstpostkarten mit Werken von 
Ingres und Courbet bei. Auf der Einbanddecke 
«C’6&tait une Semaine de Bonte&) (1974), die wie eine 
Zeichenmappe aussieht, reproduziert er Abbildun- 
gen von Max Ernsts Roman «Une Semaine de 
Bonte&). Daneben verwendet er 1974 Abbildungen 
von Lehrtafeln oder Lehrbüchern: in «La Souris &crit 
Rat», «Citron-Citroen» oder in «Les Animaux de la 
Ferme». 
Auch andere zeitgemässe Reproduktionsmittel fin- 
den in Broodthaers’ Druckgraphik ihren Nieder- 
schlag: Photographie und Film. Einem der Erfinder 
der Photographie, Daguerre, widmet Broodthaers 
1975 ein eigenes Blatt. Es besteht aus zwölf 
farbigen Hochglanzphotos mit Tomaten, Kopfsalat, 
Karotten, Lauch und Fischen. Darunter steht nach 
Hausfrauenart, aber in Siebdruck auf einer 
Einmachetikette: La Soupe de Daguerre. Zu den 
Editionen gehört auch ein tonloser Film, «Le 
Corbeau et le Renard) (1968). Er ist neben einem 
Projektionsschirm und einer Photoleinwand einer 
von drei Teilen zu diesem Thema. Das Blatt «Chere 
Petite Sceun (1972) zeigt die Reproduktion jener 
Postkarte, die das Thema zum gleichnamigen Film 
lieferte. «Ein Eisenbahnüberfall» (1972) ist der Titel 
zu einem Blatt mit reproduzierten Filmbildern — 
einen Film zu diesem Thema gibt es allerdings 
nicht. Broodthaers behandelt oft das gleiche Thema 
in verschiedenen Medien. Als Besonderheit fällt das 
1970 entstandene Blatt «M.B., 24 Images Seconde» 
auf. In der Blattmitte ist ein Original-Filmstreifen 
senkrecht aufgeklebt, auf dem - ausgehend von 
a3inem vertikalen Bleistiftstrich - in der Abfolge von 
vierundzwanzig Bildern allmählich in Bleistift 
Broodthaers’ Signatur <«M.B.>» entsteht. Es ist das 
einzige Blatt, auf dem Broodthaers nicht reprodu- 
ziert, sondern eigenhändig gestaltet: was sich hier 
in die Welt der Reproduktion einschleicht, ist die 
Realität. Sein Schaffen zeichnet sich nicht aus 
durch Ausschliesslichkeit, sondern hinter der 
Schauseite versteckt sich stets irgendwo ihr 
Gegenteil. 
Innerhalb der Reproduktionswelt von Broodthaers 
assen sich verschiedene Stufen unterscheiden: die 
Realität (Reproduktionsstufe 0), die Wiedergabe 
dieser Realität (Reproduktionsstufe 1) und die 
Reproduktion dieser Wiedergabe (Reproduktions- 
stufe 2). Nicht nur für Bild-, sondern auch für Text- 
reproduktionen treffen diese Stufen zu. In «Chere 
Petite Soceun (1972) ist das Bild des Schiffs auf dem 
stürmischen Meer eine Wiedergabe der Wirklichkeit 
auf einer Postkarte, die auf dem Graphikblatt repro- 
duziert wird (Stufe 2). Gleichzeitig ist auch der 
Originaltext der Postkarte - die Zeilen an die kleine 
Schwester - wiedergegeben (Stufe 1); der hand- 
schriftliche Titel in Tinte «Chere petite sceur...> 
stammt dagegen direkt von Broodthaers’ Feder 
(Stufe 0). Als Reproduktion der Reproduktion lies- 
sen sich diese Stufen weiterführen. Sie sind wie die 
Medien begrenzt austauschbar - oder anders aus- 
gedrückt: Broodthaers kann innerhalb gewisser 
Grenzen damit spielen. 
= 
. 
_
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.