diese wurde ihm von Magritte zum Vorwurf ge-
macht, den Magritte sah in ihm mehr den Sozio-
logen als den Künstler.
Soziologische Realität spiegelt sich auch in Broodt-
haers’ Druckgraphik. Persönlicher Ausdruck wird
ausgelöscht durch Gesellschaftlich-Allgemeines; die
Hand des Künstlers weicht der Maschine; Multipli-
zierbarkeit verdrängt die Einmaligkeit des Originals.
Die technische Reproduktion begann um 1900 nicht
nur, sämtliche «überkommenen Kunstwerke zu
ihrem Objekt zu machen und deren Wirkung den
tiefsten Veränderungen zu unterwerfen», sondern
sie eroberte sich («einen eigenen Platz unter den
künstlerischen Verfahrungsweisen».2 Diese Aussage
von Walter Benjamin trifft geradezu charakterisie-
rend auf Broodthaers’‘ Druckgraphik zu, denn diese
basiert fast durchwegs auf der technischen Repro-
duktion und der Veränderung. So fügt Broodthaers
den beiden Blättern «Musee-Museum) (1972), auf
denen der Grundriss seines Museums in Brüssel ab-
gedruckt ist, Kunstpostkarten mit Werken von
Ingres und Courbet bei. Auf der Einbanddecke
«C’6&tait une Semaine de Bonte&) (1974), die wie eine
Zeichenmappe aussieht, reproduziert er Abbildun-
gen von Max Ernsts Roman «Une Semaine de
Bonte&). Daneben verwendet er 1974 Abbildungen
von Lehrtafeln oder Lehrbüchern: in «La Souris &crit
Rat», «Citron-Citroen» oder in «Les Animaux de la
Ferme».
Auch andere zeitgemässe Reproduktionsmittel fin-
den in Broodthaers’ Druckgraphik ihren Nieder-
schlag: Photographie und Film. Einem der Erfinder
der Photographie, Daguerre, widmet Broodthaers
1975 ein eigenes Blatt. Es besteht aus zwölf
farbigen Hochglanzphotos mit Tomaten, Kopfsalat,
Karotten, Lauch und Fischen. Darunter steht nach
Hausfrauenart, aber in Siebdruck auf einer
Einmachetikette: La Soupe de Daguerre. Zu den
Editionen gehört auch ein tonloser Film, «Le
Corbeau et le Renard) (1968). Er ist neben einem
Projektionsschirm und einer Photoleinwand einer
von drei Teilen zu diesem Thema. Das Blatt «Chere
Petite Sceun (1972) zeigt die Reproduktion jener
Postkarte, die das Thema zum gleichnamigen Film
lieferte. «Ein Eisenbahnüberfall» (1972) ist der Titel
zu einem Blatt mit reproduzierten Filmbildern —
einen Film zu diesem Thema gibt es allerdings
nicht. Broodthaers behandelt oft das gleiche Thema
in verschiedenen Medien. Als Besonderheit fällt das
1970 entstandene Blatt «M.B., 24 Images Seconde»
auf. In der Blattmitte ist ein Original-Filmstreifen
senkrecht aufgeklebt, auf dem - ausgehend von
a3inem vertikalen Bleistiftstrich - in der Abfolge von
vierundzwanzig Bildern allmählich in Bleistift
Broodthaers’ Signatur <«M.B.>» entsteht. Es ist das
einzige Blatt, auf dem Broodthaers nicht reprodu-
ziert, sondern eigenhändig gestaltet: was sich hier
in die Welt der Reproduktion einschleicht, ist die
Realität. Sein Schaffen zeichnet sich nicht aus
durch Ausschliesslichkeit, sondern hinter der
Schauseite versteckt sich stets irgendwo ihr
Gegenteil.
Innerhalb der Reproduktionswelt von Broodthaers
assen sich verschiedene Stufen unterscheiden: die
Realität (Reproduktionsstufe 0), die Wiedergabe
dieser Realität (Reproduktionsstufe 1) und die
Reproduktion dieser Wiedergabe (Reproduktions-
stufe 2). Nicht nur für Bild-, sondern auch für Text-
reproduktionen treffen diese Stufen zu. In «Chere
Petite Soceun (1972) ist das Bild des Schiffs auf dem
stürmischen Meer eine Wiedergabe der Wirklichkeit
auf einer Postkarte, die auf dem Graphikblatt repro-
duziert wird (Stufe 2). Gleichzeitig ist auch der
Originaltext der Postkarte - die Zeilen an die kleine
Schwester - wiedergegeben (Stufe 1); der hand-
schriftliche Titel in Tinte «Chere petite sceur...>
stammt dagegen direkt von Broodthaers’ Feder
(Stufe 0). Als Reproduktion der Reproduktion lies-
sen sich diese Stufen weiterführen. Sie sind wie die
Medien begrenzt austauschbar - oder anders aus-
gedrückt: Broodthaers kann innerhalb gewisser
Grenzen damit spielen.
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