wisser Situationen und Missverhältnisse an.
Gewohntes wird in ungewohnter Weise zueinander
in Beziehung gesetzt. Durch Überraschungseffekte
wird scheinbar Alltägliches ironisiert und in Frage
gestellt.
Nehmen wir als Beispiel die beiden Blätter «Les Ani-
maux de la Ferme) aus dem Jahre 1974. Es sind
Reproduktionen in Offset, vermutlich von alten land-
wirtschaftlichen Lehrtafeln mit Abbildungen von
verschiedenen Kühen auf dem einen und Stieren
auf dem andern Blatt. Formal gesehen bestehen
beide Blätter aus Bildern und Wörtern (dazu ge-
hören zudem die Grossbuchstaben A und B), die
Broodthaers kombiniert. Die Tiere sind in je fünf
Reihen ä drei Bilder angeordnet; sie werden von
der Seite gezeigt, wobei ihre Blickrichtung schein:
bar willkürlich ist. Man erwartet unter jedem Bild
die Bezeichnung der jeweiligen Rasse zu finden.
doch wie staunt man, an deren Stelle auf eine
Automarke zu stossen! Die Tiere werden gekenn-
zeichnet mit Chevrolet, Cadillac, Chrysler,
Maserati, Volkswagen, BMW, Citroen 2CV, Simca
und Renault 4L. Broodthaers hatte statt der Tier-
namen auf die Vorlage die erwähnten Automarken
gedruckt. Dadurch treffen hier zwei verschiedene,
scheinbar widersprüchliche Bedeutungsebenen zu-
sammen, wobei sich die eine im Bild, die andere im
Wort manifestiert. Auto und Kuh gehören je einer
dieser Bedeutungsebenen, aber zugleich auch der-
selben soziologischen Realität an. Broodthaers
wählte bei diesen Blättern die Reproduktionsstufe 2.
Reproduziert sind Kühe und Stiere von einer ge-
druckten Vorlage. Auf diese Weise werden sie jener
soziologischen Realität, der sie entstammen, ent-
fremdet und zu Zeichen gestempelt. Die Automar-
ken erscheinen als Zeichen für die zivilisierte, tech-
nisierte Welt. Sie sind den Zeichen Kuh und Stier,
welche die bäuerliche Welt und in weiterem Sinne
die Natur signalisieren, einerseits durch die inhalt-
liche Nicht-Übereinstimmung gegenübergestellt und
ihnen anderseits durch die serielle Anordnung von
Text und Bild gleichgestellt. Beide Zeichenarten
wirken in ihrem Bereich auch als eine Art Status-
symbol, als Ausdruck von Wohlstand. Durch ihre
ungewohnte Koppelung wie auch durch ihre Gleich.
stellung in der Masse (man denkt an Massenpro-
duktion von Autos und Fleisch) regen sie zum
Nachdenken an. Durch diese Wiedergabe auf der
Reproduktionsstufe 2 schaffte Broodthaers eine
zweite soziologische «Realität», die parallel zu der-
jenigen, die sie widerspiegelt, verläuft. Sie ist eine
Fiktion, dank der Broodthaers, wie er in anderem
Zusammenhang ausführt, «die Realität zu erfassen
vermag und gleichzeitig auch das, was sie ver-
birgt»3 Dadurch, dass Broodthaers seine Fiktion als
Blätter (in anderen Fällen auch als Katalog, Buch
oder Objekt) gestaltet, entsteht gleichzeitig wie-
derum dingliche Realität.
Broodthaers’ Blätter «Les Animaux de la Ferme»
beinhalten noch einen weiteren Aspekt: die Zeit. Die
Abbildungen dürften aus früherer Zeit (möglicher-
weise um die Jahrhundertwende) stammen, einer
Epoche also, in der das Automobil noch nicht sehr
verbreitet war. Wörter und Bilder, Autos und Kühe
gehören also zwei verschiedenen Zeitebenen an,
denn die Blätter wurden im Jahre 1974 gedruckt.
Die darin eingefangene soziologische Realität wird
somit durch Broodthaers’ Fiktion zeitlich relativiert.
Will Broodthaers anhand dieser auseinanderliegen-
den Ebenen wohl Entwicklung aufzeigen? Selt-
samerweise unterscheiden sich die beiden Blätter -
ausser durch die verschiedenen Tiertypen und die
Grossbuchstaben A respektiv B (Tableau A respek-
tiv Tableau B} — lediglich durch das Geschlecht der
Tiere. Tableau A zeigt Kühe, Tableau B Stiere. Diese
Unterscheidungsmerkmale gehören alle der vergan-
genen Zeitdimension, Broodthaers’ Vorlage, an. Soll
das («enseignement agricole», das bei beiden Blät-
tern obenan steht, wohl symbolisch andeuten, dass
zur Zeit, als Broodthaers’ Vorlage entstand, junge
Männer und Frauen getrennt unterrichtet wurden
und dass inzwischen eine Entwicklung eingesetzt
hat, die zur Gleichstellung von Mann und Frau ten-
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