Volltext: Jahresbericht 1982 (1982)

wisser Situationen und Missverhältnisse an. 
Gewohntes wird in ungewohnter Weise zueinander 
in Beziehung gesetzt. Durch Überraschungseffekte 
wird scheinbar Alltägliches ironisiert und in Frage 
gestellt. 
Nehmen wir als Beispiel die beiden Blätter «Les Ani- 
maux de la Ferme) aus dem Jahre 1974. Es sind 
Reproduktionen in Offset, vermutlich von alten land- 
wirtschaftlichen Lehrtafeln mit Abbildungen von 
verschiedenen Kühen auf dem einen und Stieren 
auf dem andern Blatt. Formal gesehen bestehen 
beide Blätter aus Bildern und Wörtern (dazu ge- 
hören zudem die Grossbuchstaben A und B), die 
Broodthaers kombiniert. Die Tiere sind in je fünf 
Reihen ä drei Bilder angeordnet; sie werden von 
der Seite gezeigt, wobei ihre Blickrichtung schein: 
bar willkürlich ist. Man erwartet unter jedem Bild 
die Bezeichnung der jeweiligen Rasse zu finden. 
doch wie staunt man, an deren Stelle auf eine 
Automarke zu stossen! Die Tiere werden gekenn- 
zeichnet mit Chevrolet, Cadillac, Chrysler, 
Maserati, Volkswagen, BMW, Citroen 2CV, Simca 
und Renault 4L. Broodthaers hatte statt der Tier- 
namen auf die Vorlage die erwähnten Automarken 
gedruckt. Dadurch treffen hier zwei verschiedene, 
scheinbar widersprüchliche Bedeutungsebenen zu- 
sammen, wobei sich die eine im Bild, die andere im 
Wort manifestiert. Auto und Kuh gehören je einer 
dieser Bedeutungsebenen, aber zugleich auch der- 
selben soziologischen Realität an. Broodthaers 
wählte bei diesen Blättern die Reproduktionsstufe 2. 
Reproduziert sind Kühe und Stiere von einer ge- 
druckten Vorlage. Auf diese Weise werden sie jener 
soziologischen Realität, der sie entstammen, ent- 
fremdet und zu Zeichen gestempelt. Die Automar- 
ken erscheinen als Zeichen für die zivilisierte, tech- 
nisierte Welt. Sie sind den Zeichen Kuh und Stier, 
welche die bäuerliche Welt und in weiterem Sinne 
die Natur signalisieren, einerseits durch die inhalt- 
liche Nicht-Übereinstimmung gegenübergestellt und 
ihnen anderseits durch die serielle Anordnung von 
Text und Bild gleichgestellt. Beide Zeichenarten 
wirken in ihrem Bereich auch als eine Art Status- 
symbol, als Ausdruck von Wohlstand. Durch ihre 
ungewohnte Koppelung wie auch durch ihre Gleich. 
stellung in der Masse (man denkt an Massenpro- 
duktion von Autos und Fleisch) regen sie zum 
Nachdenken an. Durch diese Wiedergabe auf der 
Reproduktionsstufe 2 schaffte Broodthaers eine 
zweite soziologische «Realität», die parallel zu der- 
jenigen, die sie widerspiegelt, verläuft. Sie ist eine 
Fiktion, dank der Broodthaers, wie er in anderem 
Zusammenhang ausführt, «die Realität zu erfassen 
vermag und gleichzeitig auch das, was sie ver- 
birgt»3 Dadurch, dass Broodthaers seine Fiktion als 
Blätter (in anderen Fällen auch als Katalog, Buch 
oder Objekt) gestaltet, entsteht gleichzeitig wie- 
derum dingliche Realität. 
Broodthaers’ Blätter «Les Animaux de la Ferme» 
beinhalten noch einen weiteren Aspekt: die Zeit. Die 
Abbildungen dürften aus früherer Zeit (möglicher- 
weise um die Jahrhundertwende) stammen, einer 
Epoche also, in der das Automobil noch nicht sehr 
verbreitet war. Wörter und Bilder, Autos und Kühe 
gehören also zwei verschiedenen Zeitebenen an, 
denn die Blätter wurden im Jahre 1974 gedruckt. 
Die darin eingefangene soziologische Realität wird 
somit durch Broodthaers’ Fiktion zeitlich relativiert. 
Will Broodthaers anhand dieser auseinanderliegen- 
den Ebenen wohl Entwicklung aufzeigen? Selt- 
samerweise unterscheiden sich die beiden Blätter - 
ausser durch die verschiedenen Tiertypen und die 
Grossbuchstaben A respektiv B (Tableau A respek- 
tiv Tableau B} — lediglich durch das Geschlecht der 
Tiere. Tableau A zeigt Kühe, Tableau B Stiere. Diese 
Unterscheidungsmerkmale gehören alle der vergan- 
genen Zeitdimension, Broodthaers’ Vorlage, an. Soll 
das («enseignement agricole», das bei beiden Blät- 
tern obenan steht, wohl symbolisch andeuten, dass 
zur Zeit, als Broodthaers’ Vorlage entstand, junge 
Männer und Frauen getrennt unterrichtet wurden 
und dass inzwischen eine Entwicklung eingesetzt 
hat, die zur Gleichstellung von Mann und Frau ten- 
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