Volltext: Jahresbericht 1983 (1983)

vollen Elemente, die Symmetrie, das Kreuz von 
Horizont und Zentralfigur, ihr Eingespanntsein 
zwischen links und rechts, oben und unten, hellem 
Gestirn und eigenem Schatten erinnert an die 
Struktur einer Mandala oder an symbolische 
Gemälde des Mittelalters, insbesondere an den 
Genter Altar, den Meyer-Amden damals studierte. ? 
Es ist dieser gewissermassen mystische Charakter, 
der den Betrachter zu einer meditativen Versenkung 
in sich und das Bild einlädt;19 dem entspricht auch 
das ätherisch Erscheinungshafte im Blick zur Sonne, 
die das Erdenschwere überwindet und alles 
Unwesentliche beiseite lässt.!! 
Man hat zwar für gewisse «Graphite>», wie Meyer 
eine Gruppe sorgfältig vollendeter Kompositionen in 
Bleistift, die unserem einzigartigen Gemälde am 
nächsten stehen, nannte, literarische Anstösse auf- 
gezeigt, !2 und vielleicht trifft in unserem Falle der 
Hinweis auf den Schluss von Wilhelm Meisters 
theatralischer Sendung gar etwas Richtiges;!3 doch 
uns scheint das Bild etwas so Individuelles und 
Jugendfrisches auszustrahlen, dass wir diese erste 
Komposition für eine ganz persönliche halten, eine 
Frucht seiner Vertiefung in sich selbst. Er hatte sich 
damals aus dem Schulbetrieb der Stuttgarter 
Akademie in einen Vorort zurückgezogen, um 
ungestörter diesem Erforschen und Erfahren der 
eigenen Innerlichkeit nachleben zu können. Vor 
allem die Konzentration auf sein Ich, ferner die 
Studien nach van Eyck und Leonardo, auch die 
Jugenderinnerungen weckenden Spaziergänge in 
die nahen Wälder und Baumschulen und zu einem 
unfernen Exerzier- und Sportplatz liessen diese Bild- 
idee entstehen.!4 Ihre Spannung und Tiefe deutet 
schon auf die kurz darauf eintretende religiöse Krise 
voraus, die einen tiefen Einschnitt in sein Schaffen 
brachte; nach ihrer Überwindung werden ihn die 
bekannten Szenen aus seiner Jugendzeit Im 
Waisenhaus fast bis zu seinem Tod beschäftigen. 
Wir sollten diese Bemerkungen zu Meyer-Amdens 
«Gärtnerbild>» anlässlich seines Eintritts ins Kunst- 
haus nicht beschliessen ohne auf seine besonderen 
Beziehungen zu Zürich einzugehen. Denn das 
Gemälde entstand für den Zürcher Kaufmann Her- 
mann Reiff,1S der damals zu den wichtigsten 
Mäzenen junger Künstler zählte - so stellte er etwa 
Ernst Georg Rüegg ein Atelier zur Verfügung: '!® 
auch das neue Kunsthaus unterstützte er, indem er 
den stattlichen Beitrag von Fr. 8000.- für die 
olastische Ausstellung beisteuerte.17 Vermittelt 
wurde dieser freie Auftrag durch Hermann Huber, 
der mit Meyer schon seit der Zeit ihrer künstleri- 
schen Anfänge an der Zürcher Kunstgewerbeschule 
befreundet war und um seine finanziellen Schwie- 
rigkeiten wusste. Er bestimmte ihn auch zur Über- 
siedlung nach Amden, und noch in seiner letzten 
Zeit nahm er ihn in sein Haus auf der Au auf. Auch 
das «Gärtnerbild>» ging später in seinen Besitz über, 
denn es verkörpert in besonderem Mass, was die 
Zürcher Künstlerfreunde um Meyer-Amden faszi- 
nierte: das Jugendlich-reine, Romantisch-mystische 
Man braucht hier nur an Paul Bodmers Frau- 
münster-Fresken, an gewisse frühe Arbeiten von 
Zeller,18 an die symbolischen Kompositionen 
Rüeggs oder die Spätwerke Hubers zu denken, um 
die besondere Bedeutung gerade dieses Gemäldes 
für die Gruppe zu erkennen. 
Christian Klemm 
Anmerkungen 
Grundiegend das Buch von Carlo Huber, Otto Meyer-Amden, 
Wabern 1968, zum Gärtnerbild insbes. S. 62-64, bereits mit 
der Verbindung zu dem grossen Brief an die Familie vom Früh 
jahr 1908 (abgedruckt S. 100f.), aus dem wir zitieren. 
Eine Vorstufe dazu bildet das Gemälde «Zwei Reiten, Sig. 
Schlemmer Stuttgart, Huber Abb. 28. 
Meyver-Amden betrachtete die Maiglöckchen als seine Symbo! 
blume, vgl. Huber S. 115. 
Der Name «Gärtnerbild» bezieht sich anscheinend zunächst auf 
den Schweizer Gärtnerburschen Elsässer, der in Stuttgart zu 
Meyer-Amdens Freundeskreis zählte (Huber S. 62, vgl. S. 121), 
dürfte aber eine wesentlich weitergehende Bedeutung haben 
Meyver-Amden zeichnete Elsässer öfters; die als Vorstufen zu 
unserem Bild anzusprechenden Blätter sind zusammengestellt 
in Otto Meyer-Amden (1885-1933), Ausstellungskatalog Kunst 
ıalle Basel 1979, Nr. 8 (Gärtnerbild), Nr. 6f. (Vorstudien), Nr. 9 
Bleistiftwiederholung).
	        
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