vollen Elemente, die Symmetrie, das Kreuz von
Horizont und Zentralfigur, ihr Eingespanntsein
zwischen links und rechts, oben und unten, hellem
Gestirn und eigenem Schatten erinnert an die
Struktur einer Mandala oder an symbolische
Gemälde des Mittelalters, insbesondere an den
Genter Altar, den Meyer-Amden damals studierte. ?
Es ist dieser gewissermassen mystische Charakter,
der den Betrachter zu einer meditativen Versenkung
in sich und das Bild einlädt;19 dem entspricht auch
das ätherisch Erscheinungshafte im Blick zur Sonne,
die das Erdenschwere überwindet und alles
Unwesentliche beiseite lässt.!!
Man hat zwar für gewisse «Graphite>», wie Meyer
eine Gruppe sorgfältig vollendeter Kompositionen in
Bleistift, die unserem einzigartigen Gemälde am
nächsten stehen, nannte, literarische Anstösse auf-
gezeigt, !2 und vielleicht trifft in unserem Falle der
Hinweis auf den Schluss von Wilhelm Meisters
theatralischer Sendung gar etwas Richtiges;!3 doch
uns scheint das Bild etwas so Individuelles und
Jugendfrisches auszustrahlen, dass wir diese erste
Komposition für eine ganz persönliche halten, eine
Frucht seiner Vertiefung in sich selbst. Er hatte sich
damals aus dem Schulbetrieb der Stuttgarter
Akademie in einen Vorort zurückgezogen, um
ungestörter diesem Erforschen und Erfahren der
eigenen Innerlichkeit nachleben zu können. Vor
allem die Konzentration auf sein Ich, ferner die
Studien nach van Eyck und Leonardo, auch die
Jugenderinnerungen weckenden Spaziergänge in
die nahen Wälder und Baumschulen und zu einem
unfernen Exerzier- und Sportplatz liessen diese Bild-
idee entstehen.!4 Ihre Spannung und Tiefe deutet
schon auf die kurz darauf eintretende religiöse Krise
voraus, die einen tiefen Einschnitt in sein Schaffen
brachte; nach ihrer Überwindung werden ihn die
bekannten Szenen aus seiner Jugendzeit Im
Waisenhaus fast bis zu seinem Tod beschäftigen.
Wir sollten diese Bemerkungen zu Meyer-Amdens
«Gärtnerbild>» anlässlich seines Eintritts ins Kunst-
haus nicht beschliessen ohne auf seine besonderen
Beziehungen zu Zürich einzugehen. Denn das
Gemälde entstand für den Zürcher Kaufmann Her-
mann Reiff,1S der damals zu den wichtigsten
Mäzenen junger Künstler zählte - so stellte er etwa
Ernst Georg Rüegg ein Atelier zur Verfügung: '!®
auch das neue Kunsthaus unterstützte er, indem er
den stattlichen Beitrag von Fr. 8000.- für die
olastische Ausstellung beisteuerte.17 Vermittelt
wurde dieser freie Auftrag durch Hermann Huber,
der mit Meyer schon seit der Zeit ihrer künstleri-
schen Anfänge an der Zürcher Kunstgewerbeschule
befreundet war und um seine finanziellen Schwie-
rigkeiten wusste. Er bestimmte ihn auch zur Über-
siedlung nach Amden, und noch in seiner letzten
Zeit nahm er ihn in sein Haus auf der Au auf. Auch
das «Gärtnerbild>» ging später in seinen Besitz über,
denn es verkörpert in besonderem Mass, was die
Zürcher Künstlerfreunde um Meyer-Amden faszi-
nierte: das Jugendlich-reine, Romantisch-mystische
Man braucht hier nur an Paul Bodmers Frau-
münster-Fresken, an gewisse frühe Arbeiten von
Zeller,18 an die symbolischen Kompositionen
Rüeggs oder die Spätwerke Hubers zu denken, um
die besondere Bedeutung gerade dieses Gemäldes
für die Gruppe zu erkennen.
Christian Klemm
Anmerkungen
Grundiegend das Buch von Carlo Huber, Otto Meyer-Amden,
Wabern 1968, zum Gärtnerbild insbes. S. 62-64, bereits mit
der Verbindung zu dem grossen Brief an die Familie vom Früh
jahr 1908 (abgedruckt S. 100f.), aus dem wir zitieren.
Eine Vorstufe dazu bildet das Gemälde «Zwei Reiten, Sig.
Schlemmer Stuttgart, Huber Abb. 28.
Meyver-Amden betrachtete die Maiglöckchen als seine Symbo!
blume, vgl. Huber S. 115.
Der Name «Gärtnerbild» bezieht sich anscheinend zunächst auf
den Schweizer Gärtnerburschen Elsässer, der in Stuttgart zu
Meyer-Amdens Freundeskreis zählte (Huber S. 62, vgl. S. 121),
dürfte aber eine wesentlich weitergehende Bedeutung haben
Meyver-Amden zeichnete Elsässer öfters; die als Vorstufen zu
unserem Bild anzusprechenden Blätter sind zusammengestellt
in Otto Meyer-Amden (1885-1933), Ausstellungskatalog Kunst
ıalle Basel 1979, Nr. 8 (Gärtnerbild), Nr. 6f. (Vorstudien), Nr. 9
Bleistiftwiederholung).