Volltext: Jahresbericht 1983 (1983)

gerückte Problem. Von der surrealistischen Phase 
Picassos ausgehend, versuchte er durch Techniken 
wie Deformieren, Collagieren, Überlagern die äus- 
sere Erscheinung aufzubrechen und so unbewusste 
Schichten in das Bild einfliessen zu lassen. Um 
diesen Prozess zu ermöglichen, verwendete er 
meist vorgegebene Formulierungen, intensive aber 
unscharfe Bildprägungen, die ins Unterbewusstsein 
absinken und tiefe Schichten der Psyche berühren: 
Bilder, wie Velasquez’ «Papst Innozenz X.» oder das 
schreiende Kindermädchen aus Eisensteins «Panzer- 
kreuzer Potemkim», die «unter die Haut gehen, 
Instinkte und elementare Lebensfunktionen treffen 
und entsprechende Reaktionen auslösen. Hier wird 
die Nähe zum Existenzialismus aber auch zu der 
aus dem Surrealismus entwickelten informellen 
oder gestischen Malerei deutlich. Diese stellte ja 
den radikalen Versuch vor, die psychischen 
Strömungen und Spannungen gewissermassen 
direkt auf die Leinwand zu bringen - in der Ent- 
laduna das Bild zu schaffen als Bild der Entladung. 
Bacon wurde nie zum Tachist; er vermochte weder 
auf den unschätzbaren Ausdruckswert des Figura- 
tiven zu verzichten noch von den fast unüberwind- 
lichen Schwierigkeiten absehen, auf informeller 
Basis ein starkes, komplexes, innere Notwendigkeit 
ausstrahlendes Gemälde zu schaffen. Als aber die 
Welle, die diese Richtung zum international verbind- 
lichen Stil werden liess, in den späteren fünfziger 
Jahren ihren Höhepunkt erreichte, konnte er sich ihr 
nicht mehr schweigend entziehen: die Variationen 
von «Van Gogh auf der Strasse von Tarasconm sind 
wohl in diesem Zusammenhang zu verstehen. In der 
extremen psychischen Aufladung des Malduktus 
gehört van Gogh sicher zu den wichtigsten 
Ahnherren des Tachismus; indem nun Bacon direkt 
an eines seiner Gemälde anknüpft und dieses in 
seinen Interpretationen gerade als Bildschöpfung 
zur Geltung bringt, gibt er damit auch zu verstehen, 
dass sich Malerei nicht im spontanen Pinselwerk 
erschöpft und dass dessen Potential ebenso in 
komplexere Zusammenhänge einzubringen ist. 
Die vom Kunsthaus erworbene «Figure in Mountain 
Landscape)» entstand 1956 gleichzeitig mit den 
arsten Bildern der van Gogh-Serie und enthält 
bereits weitgehend deren Problematik. Im Formalen 
dominiert in ganz ungewöhnlicher Weise die sehr 
freie, betont impulsive Malerei; das Gemälde ist In 
dieser Hinsicht sicher ein Höhe- und Extrempunkt 
im Werke Bacons. Die Ausdrucksdynamik der Figur 
ist ganz aus dem Inhaltlichen - wenn wir an die 
schreienden Päpste zurückdenken - ins abstrakt 
Formale verlagert. Aber auch das Thema nähert 
sich demjenigen van Goghs: die vereinzelte, der 
Landschaft ausgelieferte Figur; dort der Maler auf 
der Ebene von Tarascon auf der Suche nach dem 
Motiv, das heisst nach dem Ansatzpunkt der Selbst 
verwirklichung in der Wirklichkeit, hier die Kon- 
frontation des Menschen mit einer «existentiellen) 
Landschaft, die ihre surrealistischen Ursprünge 
nicht verleugnet. Bedrohlich gähnen schwarze 
Höhlen und Löcher, während sich der Weg verengt: 
ähnlich wie sich in gewissen Bildern der folgenden 
Serie der Grund öffnet, glaubt man hier von der 
=bene in eine ausweglose Schlucht gesunken zu 
sein. 
Während die Gestaltung der Landschaft an die 
anthropomorphen Skulpturen von Henry Moore 
denken lässt, ist die Figur selbst mit dem Werk 
aines andern Bildhauers zu verbinden: Alberto 
Ziacometti. Wir hatten schon vor einem Jahr an 
dieser Stelle Gelegenheit, anlässlich der Würdigung 
des von der Vereinigung der Zürcher Kunstfreunde 
arworbenen Triptychons «Three Studies of the Male 
Back) Beziehungspunkte zwischen den beiden 
Künstlern aufzuzeigen. Aber mussten sie damals auf 
das Allgemeine der menschlichen Problematik und 
der motivischen Konzentration auf die Figur im 
Raumgestänge beschränkt bleiben, ist die künst- 
lerische Parallele zwischen Bacons frühem Bild und 
Giacomettis späten Werken viel enger. Auch Giaco- 
mettis Ausgangspunkt ist der Surrealismus, und 
auch er entzieht sich nach dem Krieg der Abstrak- 
tion. Ähnlich wie sich Bacon das tachistische 
.
	        
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