ristika am extremsten aus. So wie unten der Fluss
über das Ufer tritt, fahren die Pinselhiebe über die
Formen, die von einem simplen und kräftigen Gerüst
blauer Linien bestimmt und der Bildfläche einge-
bunden werden. Der scharfe Kontrast von Grün und
Menningrot, der raumlose, intensiv rosa Himmel
zeugen von der völlig sujektiven Umsetzung des
Natureindrucks; denkt man an die motivisch durch-
aus vergleichbaren, aber ganz auf die atmo-
sphärische Stimmung ausgerichteten Landschaften
der Impressionisten zurück, ermisst man, welch
bedeutender Schritt vom abbildhaften zum autono-
men Bild hier vollzogen wurde. «Voiles ä Chatou>’®
aus dem folgenden Jahr bringt vor allem Vlamincks’
(Peinture» zur Geltung; stärker als die übrigen
Kompositionselemente wirken die waagrechten
Farbzüge des Wassers und die senkrecht gespann-
ten Bogen, die die Pinselstriche im Baumstamm und
den Segelmasten beschreiben. Die Einwirkung van
Goghs, dem von Vlaminck leidenschaftlich verehrten
Vorbild, ist überall zu spüren; besonders im Himmel
verknäuelt sich der Duktus zu pastosen Ballungen,
die die psychische Spannung des Malaktes ver-
mitteln. Beide Kompositionen hat Vlaminck mit
spontanen Veränderungen öfters verwendet; ihre
Prägnanz bot seinem impulsiven Arbeiten den siche-
ren Rahmen.
Das letzte der drei Bilder, nur wenig später ent-
standen, weist schon auf den fundamentalen Um-
bruch hin, der 1908 zum Ende des Fauvismus und
der Entwicklung des Kubismus führte: die Rezeption
der Kunst C6zannes. Auch abgesehen von dem ver-
gilbten Firnis und den Verunreinigungen der Ober-
fläche - beides soll gelegentlich entfernt werden —-
ist die Palette merklich gedämpfter, die Malweise
gezähmt und ein neues Verhältnis von Gegenstand
zur Bildfläche angestrebt. Deren Organisation in
gebrochenen, rhythmisch aufeinander bezogenen
Linien führt zu einer wesentlich abstrakteren und
komplexeren Struktur. Derains «Vue de Martigues)
zeigt eine andere schöpferische Antwort auf die
gleiche stilgeschichtliche Situation, die offensicht-
ich seinem Temperament besser entsprach als
demjenigen Vlamincks. Dieser versuchte denn auch
bald wieder, seine eigentlichen Qualitäten, die
Spontaneität, eine kraftvolle Unbekümmertheit, die
anergiegeladene Pinselführung, wieder zur Geltung
zu bringen, doch fand er nicht mehr zu der früheren
Farbigkeit und Stilsicherheit zurück.
Gino Severini: Autoportrait au conotier
Der Futurismus gehört zu den künstlerischen
Strömungen, die ihren auslösenden Impuls vom Ku-
bismus erhielten; Severini, der schon seit 1906 in
Daris wohnte, spielte bei der Vermittlung nach Italien
3ine zentrale Rolle.'* Anders aber als für Braque und
?icasso war ihm nicht Cezanne, sondern der Divisio-
nismus von Seurat das entscheidende Vorbild bei
der Auflösung des plastischen Volumens in flächige.
'n der Bildebene liegende Strukturen. Bereits Balla,
der ihn 1901 zusammen mit Boccioni in Rom zur
Malerei führte, wies ihn auf den Neoimpressio-
nismus hin; vor allem um dessen Werke genau zu
studieren, übersiedelte er nach Frankreich. Die
künstlerische Schulung, die er dem Studium der
Bilder Seurats verdankte, bestimmt denn auch die
Farbigkeit und den malerischen Aufbau des «Auto-
„ortrait au canotien 5 weitgehend; charakteristisch
st die Modellierung der Teilflächen mit kurzen
Pinselstrichen, die sich gegen ihre offene Grenze
verdichten. So entsteht noch deutlicher als im ana-
ıytischen Kubismus zwar eine ungebrochene Bild-
ebene, aber diese schliesst sich nicht zur opaken,
dekorativen Fläche, sondern lässt räumliche und
atmosphärische Werte mitschwingen. Aber nicht nur
der innere Aufbau der Zellen, auch ihr gegenseitiges
Verhältnis wird von dieser schwebenden Ambi-
valenz getragen: Sie wirken weniger als in die Bild-
‘läche gelegte Facetten, denn als räumliche, sich an
den Kanten durchdringende Ebenen. Entsprechend
fehlen linear zeichnende Striche weitgehend; sie
beschränken sich auf Auge, Ohr und Mund, wo sie
gewissermassen als Hieroglyphen den gegenständli-