HANS ARP
(LA MISE AU TOMBEAU DES OISEAUX ET
PAPILLONS);, 1916/17
Mit Otto und Adya van Rees hatte Arp im November
1915 in der Galerie Tanner an der Bahnhofstrasse
seinen ersten künstlerischen Auftritt mit drei Wand-
teppichen sowie elf Tusch- und fünf Kohlezeichnun:
gen unter dem Einheitstitel «Gestaltungen» und
lernte bei dieser Gelegenheit Sophie Taeuber ken-
nen. In der von Walter Serner herausgegebenen
Zeitschrift «Sirius» erschienen Illustrationen, und
noch vor Jahresende fand er in einem grossen, von
Hans Coray für die Pestalozzischule in Auftrag gege-
benen Fresko zur reinen Abstraktion. Sophie Taeube:ı
hatte auf diese Entwicklung wohl grossen Einfluss:
«dn den Arbeiten, die (sie) mir damals kurz nach
unserer ersten Begegnung zeigte, waren als Material!
abenfalls Wolle, Seide, Stoff und Papier verwendet.
- Die klare Ruhe der vertikalen und horizontalen
Kompositionen beeinflussten die barocke, diagonale
Dynamik meiner abstrakten „Gestaltungen”. Eine
sanfte Stille strömte aus ihren Farben- und Flächen-
bauten. - Sophie Taeuber und ich haben uns ent-
schlossen, in unseren Bildern die Ölfarbe nicht mehr
zu verwenden. - Das Ölgemälde schien uns einer
überheblichen, anmassenden Welt anzugehören.»*
Diese folgenreiche Entscheidung ist von Hans Arp
nie mehr revidiert worden.
Als der Aufbau einer Dada-Sammlung im Frühjahr
1980 mit einer Ausstellung ünd einer erfolgreichen
Ankaufsaktion in die Wege geleitet wurde, war das
Fehlen eines Holzreliefs von Hans Arp besonders
augenfällig. Dass nun mit dem Erwerb von «La mise
au tombeau des oiseaux et papillons> diese Lücke
geschlossen werden konnte, ist insofern als Glücks-
fall zu bezeichnen, als vergleichbare Hauptstücke
des Zürcher Dadaismus nur noch ganz selten <«freb
werden. Die in Zürich zwischen 1916 und 1919 ent-
standenen Holzreliefs stellen nicht nur den zweifel-
los wichtigsten bild-künstlerischen Beitrag von Dada
Zürich dar, sondern stehen als abstrakte Gestal-
tungen an der Schwelle zur modernen Kunst über-
haupt. Insbesondere erscheinen sie heute als «früh-
vollendete) Versuche, dem Unterbewussten durch
gegenstandslose, organische Bildformen Ausdruck
zu verleihen. Innerhalb von Arps Werk verkörpern
sie besonders schön sein Konzept der «<peinture-
poesie) In ihren Anspielungen auf Inhaltlich-Stoff
liches und zugleich einer nicht-illusionistischen,
reinen Form.
Hans Arp, 1886 in Strassburg geboren, hatte im
Sommer 1915 in Ascona das holländische Künstler-
ehepaar Otto und Adya van Rees-Dutilh kennenge-
lernt, das wie er auf der Flucht vor dem Krieg aus
Paris in die Schweiz gekommen war. «Angeekelt von
den Schlächtereien des Weltkriegs 1914, gaben wir
uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in
der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen,
malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wir
suchten eine elementare Kunst, die den Menschen
vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ord-
nung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und
Hölle herstellen sollte.» Wie wenn er um die
günstige Stunde des Neubeginns gewusst hätte, zer- Inwieweit die Verausgabung der Kräfte während der
störte er zuerst sein bisheriges, unter dem Einfluss Blütezeit des «Cabaret Voltaire», zu dessen Gründern
Kandinskys und des Kubismus entstandenes Werk. Arp am 5. Februar 1916 gehört hatte, wo er aufgetre-
Die «neue Welt», das sollten «Bauten aus Linien,
Flächen, Formen, Farben; sein.3 «Uns schwebten
Meditationstafeln, Mandalas, Wegweiser vor. Unsere
Wegweiser sollten in die Weite, in die Tiefe, in die
Unendlichkeit zeigen.»* Diese Beruhigung von Arps
Formensprache ist im Vergleich zwischen einer im
«Cabaret Voltaire» im Juni 1916 publizierten
<«kubistischen» Collage und den symmetrischen Holz
schnitten zu Huelsenbecks «Phantastische Gebete»
vom September 1916 oder für «Dada 1) vom Juli 1917
zu ermessen, am stärksten aber gegenüber den mit
Sophie Taeuber gemeinsam ausgeführten grossen
Papier- und Stoffarbeiten.
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