Volltext: Jahresbericht 1984 (1984)

HANS ARP 
(LA MISE AU TOMBEAU DES OISEAUX ET 
PAPILLONS);, 1916/17 
Mit Otto und Adya van Rees hatte Arp im November 
1915 in der Galerie Tanner an der Bahnhofstrasse 
seinen ersten künstlerischen Auftritt mit drei Wand- 
teppichen sowie elf Tusch- und fünf Kohlezeichnun: 
gen unter dem Einheitstitel «Gestaltungen» und 
lernte bei dieser Gelegenheit Sophie Taeuber ken- 
nen. In der von Walter Serner herausgegebenen 
Zeitschrift «Sirius» erschienen Illustrationen, und 
noch vor Jahresende fand er in einem grossen, von 
Hans Coray für die Pestalozzischule in Auftrag gege- 
benen Fresko zur reinen Abstraktion. Sophie Taeube:ı 
hatte auf diese Entwicklung wohl grossen Einfluss: 
«dn den Arbeiten, die (sie) mir damals kurz nach 
unserer ersten Begegnung zeigte, waren als Material! 
abenfalls Wolle, Seide, Stoff und Papier verwendet. 
- Die klare Ruhe der vertikalen und horizontalen 
Kompositionen beeinflussten die barocke, diagonale 
Dynamik meiner abstrakten „Gestaltungen”. Eine 
sanfte Stille strömte aus ihren Farben- und Flächen- 
bauten. - Sophie Taeuber und ich haben uns ent- 
schlossen, in unseren Bildern die Ölfarbe nicht mehr 
zu verwenden. - Das Ölgemälde schien uns einer 
überheblichen, anmassenden Welt anzugehören.»* 
Diese folgenreiche Entscheidung ist von Hans Arp 
nie mehr revidiert worden. 
Als der Aufbau einer Dada-Sammlung im Frühjahr 
1980 mit einer Ausstellung ünd einer erfolgreichen 
Ankaufsaktion in die Wege geleitet wurde, war das 
Fehlen eines Holzreliefs von Hans Arp besonders 
augenfällig. Dass nun mit dem Erwerb von «La mise 
au tombeau des oiseaux et papillons> diese Lücke 
geschlossen werden konnte, ist insofern als Glücks- 
fall zu bezeichnen, als vergleichbare Hauptstücke 
des Zürcher Dadaismus nur noch ganz selten <«freb 
werden. Die in Zürich zwischen 1916 und 1919 ent- 
standenen Holzreliefs stellen nicht nur den zweifel- 
los wichtigsten bild-künstlerischen Beitrag von Dada 
Zürich dar, sondern stehen als abstrakte Gestal- 
tungen an der Schwelle zur modernen Kunst über- 
haupt. Insbesondere erscheinen sie heute als «früh- 
vollendete) Versuche, dem Unterbewussten durch 
gegenstandslose, organische Bildformen Ausdruck 
zu verleihen. Innerhalb von Arps Werk verkörpern 
sie besonders schön sein Konzept der «<peinture- 
poesie) In ihren Anspielungen auf Inhaltlich-Stoff 
liches und zugleich einer nicht-illusionistischen, 
reinen Form. 
Hans Arp, 1886 in Strassburg geboren, hatte im 
Sommer 1915 in Ascona das holländische Künstler- 
ehepaar Otto und Adya van Rees-Dutilh kennenge- 
lernt, das wie er auf der Flucht vor dem Krieg aus 
Paris in die Schweiz gekommen war. «Angeekelt von 
den Schlächtereien des Weltkriegs 1914, gaben wir 
uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in 
der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, 
malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wir 
suchten eine elementare Kunst, die den Menschen 
vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ord- 
nung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und 
Hölle herstellen sollte.» Wie wenn er um die 
günstige Stunde des Neubeginns gewusst hätte, zer- Inwieweit die Verausgabung der Kräfte während der 
störte er zuerst sein bisheriges, unter dem Einfluss Blütezeit des «Cabaret Voltaire», zu dessen Gründern 
Kandinskys und des Kubismus entstandenes Werk. Arp am 5. Februar 1916 gehört hatte, wo er aufgetre- 
Die «neue Welt», das sollten «Bauten aus Linien, 
Flächen, Formen, Farben; sein.3 «Uns schwebten 
Meditationstafeln, Mandalas, Wegweiser vor. Unsere 
Wegweiser sollten in die Weite, in die Tiefe, in die 
Unendlichkeit zeigen.»* Diese Beruhigung von Arps 
Formensprache ist im Vergleich zwischen einer im 
«Cabaret Voltaire» im Juni 1916 publizierten 
<«kubistischen» Collage und den symmetrischen Holz 
schnitten zu Huelsenbecks «Phantastische Gebete» 
vom September 1916 oder für «Dada 1) vom Juli 1917 
zu ermessen, am stärksten aber gegenüber den mit 
Sophie Taeuber gemeinsam ausgeführten grossen 
Papier- und Stoffarbeiten. 
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