Volltext: Jahresbericht 1984 (1984)

'en ist, wofür er geschrieben und Kostüme entwor- 
‘en hat, oder die Beschäftigung mit dem Holzschnitt 
dann den Weg zum Relief wies, bleibt so ungeklärt 
wie deren genaue Datierungen.® Jedenfalls fand er 
gewissermassen <auf Erholung» möglicherweise 
noch Ende 1916 oder im April 1917 zu den neuen, 
‚entscheidenden Formen;: «In Ascona zeichnete ich 
mit Pinsel und Tusche abgebrochene Äste, Wurzeln, 
Gräser, Steine, die der See an den Strand gespült 
natte. Diese Formen vereinfachte ich und vereinigte 
hr Wesen in bewegten Ovalen, Sinnbildern der ewi- 
gen Verwandlung und des Werdens der Körper»® 
:Der Damhirsch)», das früheste bekannte Holzrelief 
‚wohl aus dem Jahr 1914), beschreibt noch deutlich 
arkennbar die abstrakt abgewandelten Körper- 
formen des Tieres, während im «Wald» (1916) Baum 
ind Mond sich bereits dem weitgehend ungegen- 
ständlichen Bildganzen unterordnen. Ein ähnlicher 
zntwicklungsweg vollzieht sich vom aus der Holz- 
'afel gewissermassen cherausgeschnittenen») «Dam 
lirsch) zu den «autonomen; Holzteilen des «Walds;: 
Ib diese Teile nun von hinten oder von vorn zu- 
sammengeschraubt sind, wichtiger erscheint der 
‚on Arps Freund L.H. Neitzel überlieferte Hinweis, 
dass ein Schreiner nach Arps Vorzeichnung die 
dolzformen aussägte und er sie daraufhin anmalte 
ınd montierte.7 
Wie die Arp-Kenner Grieve und Poley überein- 
stimmend bestätigen, gibt es von einigen Holzreliefs 
nNehrere Fassungen mit kleinen Unterschieden.8 
Jnser Relief «La mise au tombeau des oiseaux et 
dapillons> (Rau, Kat. 13) ist dabei wohl die erste 
"assung des viel häufiger publizierten Werks <«Por- 
trait de Tristan Tzara> (Rau, Kat. 8), das ebenfalls 
1916 entstanden sein soll, etwas grösser als die 
Zürcher Fassung ist, im Unterschied zu dieser aber 
später übermalt wurde (Im Werkverzeichnis von Rau 
ist es ausnahmsweise noch wie im Katalog der Arp- 
Ausstellung des Museum of Modern Art 1958 in der 
alten Fassung mit sichtbaren Schrauben publiziert.) 
Ansonsten bestehen keine wesentlichen Unter- 
schiede. Dass die Zürcher Fassung wohl die erste 
ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass Arp das Stück 
Früh seinem Freund Hans Koch widmete, während 
die sich heute im Musege d’art et d’histoire Geneve 
befindliche Variante in seinem Besitz befand, weil 
:Arp, wenn er ein geliebtes Stück fortgeben musste, 
as sich für sich selbst noch einmal machte»? 
Die unüberarbeitete Zürcher Fassung hat später, 
wohl in Anlehnung an die Genfer Replik, ebenfalls 
den Titel «Portrait de (Tristan) Tzara» zugeschrieben 
erhalten. Während der originale Titel im Rahmen der 
Arpschen <peinture-poegsie) einen weiten Assozia- 
Honsspielraum offenlässt und man die Wortfolge 
gerne in Arps frühen Gedichten wiederfände, lässt 
der Hinweis auf ein Bildnis die Konturen als Kopf- 
form, und was in einem Fall als Flügel, im andern als 
«Augenbraue) erscheinen. Naturformen, auch das 
Wechselspiel von Wachsen und Sterben wie im 
Relief «Pflanzenhammern oder der «Grablegung)» hat 
Arp als Symbole des Lebendigen seit seinen «Ent- 
deckungen) in Ascona bis an sein Lebensende in 
unzähligen Variationen abgewandelt. Seine 
berühmte Definition aus den «Notes from a Dada 
Diary» (1932) «Kunst ist eine Frucht, welche im Men- 
schen wächst wie die Frucht aus der Pflanze», oder 
seine Hans Richter gegebene Antwort: «Was willst 
du? Es wächst mir wie die Fussnägel. Ich muss es 
abschneiden, und es wächst mir dann immer wieder 
nach), verweisen auf sein vegetabilisches Lebensge- 
‘ühl als Quelle seines Schaffens und als gemein- 
samer Nährboden seiner gesamten Bildwelt.'9 «Ich 
liebe die Natur, aber nicht ihren Ersatz), diese 
Maxime hat Arp weit vom Naturvorbild in die 
Abstraktion versetzt, um dort die Bildsymbole ihrer 
inneren Wesenskräfte zu gestalten. Das Prinzip der 
Montage, die Wahl des «unpersönlichen» Materials, 
‚or allem aber auch die jedes Naturvorbild abwei- 
sende <«kubistische» Farbwahl und der anonyme» 
Farbauftrag, der spannende Kontrast von homo- 
genen Farbflächen zu ihrer organischen Begrenzung 
wie zu den silbernen Spritzern, die das Zufällige und 
gleichfalls «Unpersönliche», vielleicht Kosmische ver-
	        
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