Volltext: Jahresbericht 1984 (1984)

Eindruck von diesem Bild erhalten, das er durch 
Reproduktionen kannte, der sich anlässlich der gros- 
zen Guttuso-Ausstellung in Köln 1977 vertiefen liess. 
im Unterschied zu der collagehaften Auffassung des 
3uttuso-Bildes entwickelte Immendorff, stimuliert 
durch ebendieses Bild, einen fiktiven «Aktionsraum» 
deutsch-deutschen Geschehens, der sich äusserlich 
an eine Diskothek anlehnt, die Immendorff noch 
heute gerne besucht: den «Rattinger Hof» in Düssel- 
dorf. Immendorff sollte die Herausforderung des 
Realismus seines Künstlerkollegen konterkarieren 
mit einer bis 1984 fortdauernden und sich weiter- 
antwickelnden Reihe von grossformatigen «Cafe 
Jeutschland»-Bildern. Im Gegensatz zum Raum des 
Touristenkaffees von Guttuso wurde jedoch sein 
Cafe) zu einem Schauplatz politischer Auseinander- 
setzung, zu einem Agitationsraum an der «Naht, 
ener Stelle also, wo - pauschalisiert - Kapitalismus 
westlicher Prägung und Sozialismus östlicher Prä- 
Jung zusammenstossen. Der aufgeklappte Raum 
der ersten «Cafe6)-Bilder wirkt wie die Bühne eines 
‘Theatrum mundb, das die Symbole von «Ost» und 
West) gegeneinander antreten lässt und gleichzeitig 
als imaginärer Treffpunkt für die beiden (durch die 
Mauer getrennten) Malerfreunde Penck und Immen- 
dorff gänzlich von seinem Ausgangspunkt, dem 
:;real» erfahrbaren, schummrig ausgeleuchteten Büh- 
ıenraum des animierten Lokals entfernt. Geblieben 
sind die dafür und darin ausgeprägten eigenen Sym- 
Jole, die er in neuem Zusammenhang auftreten 
ässt. Die von ihm gefundenen «Ikonen haben ein 
Doppelleben; sie nehmen die Dimension der Meta- 
öher ebenso gerne an, wie sie ein Eigenleben als 
Bildzeichen führen können. Sie fluktuieren mit Vor- 
iebe am Äquator eines Globus, dessen Pole der 
reine Diskurs» und die «reine Malerei» sind. Das 
Niveau des Symbolgehalts ist dabei unterschiedlich: 
=s reicht von der direkten Umsetzung bestehender 
Symbole, etwa dem Ad/er (als Emblem für die BRD. 
aber auch als Hinweis auf das geteilte ehemalige 
deutsche Reich) über eigene Erfindungen, wie der 
Nterpretation der Quadriga des Brandenburger 
Tores als führerlose Karre bis hin zu völlig neu ge- 
schaffenen Symbolen, wie der sich in die Schnee- 
decke einfressenden Naht. 
Durch die zentrale Stellung des «führerlosen» Holz: 
wagens, der in der Bildmitte wie eine der gleich- 
zeitig entstandenen Holzplastiken auf dem «Sockeb 
des Schneesterns sich erhebt sowie die integrierte 
nschrift, erhält die Quadriga den höchsten Stellen- 
wert. Längst bevor uns Jörg Immendorff das 
Brandenburger Tor® als in Bronze gegossenes 
Monument seiner Weltsicht interpretiert «wieder- 
brachte), beschäftigte ihn als Künstler dessen Be- 
krönung: die Quadriga mit der Siegesgöttin - jenes 
altgriechische Viergespann aufnehmend, das von 
einem aufrecht im offenen Zweiradwagen stehen- 
den Lenker geführt wurde. Bei Immendorff wird das 
Gespann - entsprechend der vereisten deutsch- 
deutschen Beziehungen, die er verspürt - zum ma- 
roden Vehikel innerdeutscher Politik auf glatter Ebe- 
ne umgedeutet. Nachdem in früheren Bildern bereits 
die Wagenlenkerin den beiden Flugblätter verteilen- 
den Künstlerfreunden Penck und Immendorff gewi- 
chen war, wird die Quadriga hier zu einem «Turm der 
schwarz-rot-goldenen Pferde» uminterpretiert. Seine 
plastische Ausprägung sollte dieses Motiv in der 
Skulptur «Quadriga> (1982/83) finden und schliess- 
lich in einem der fünf Figurenpfeiler im (mit in der 
Zürcher Ausstellung gezeigten) «Brandenburger Tor 
(1982/83) verewigt werden. In die Farben der BRD- 
-lagge getaucht stürzen drei der Pferde einen über- 
dimensionierten, sich vertikal aufbauenden «Kno- 
hen» entlang, der in gespenstischer Weise das vier- 
te Pferd mitsamt der Wagenlenkerin zu verkörpern 
scheint, als verkalktes Überbleibsel ehemaliger 
Grösse, das In seinem eigenen Behältnis steht. Das 
Gefährt selbst ist zur primitiven, <teutonischem Holz: 
karre geworden, aus der ein Flugblatt mit dem Por- 
trät Rosa Luxemburgs hängt. Die 1919 in Berlin um- 
gebrachte Spartakistin, eine militante Vorkämpferin 
für Freiheit und Unabhängigkeit in-Immendorffs 
Interpretation, wird hier einerseits durch ihr Porträt 
erinnert und andererseits findet sich der mit ihr ver- 
bundene Begriff von Freiheit durch die Darstellung 
zum <«Papiertiger) degradiert.
	        
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