Volltext: Jahresbericht 1984 (1984)

Ausstellungen 
Ausstellungen im grossen Ausstellungssaal 
Francis Picabia 
Nachdem das Kunsthaus 1980 für seine Dada- 
Sammlung mit «Cure-dents> (1924/25) ein Haupt- 
werk von Francis Picabia hatte erwerben können, 
lag es nahe, diesen in der Schweiz noch nie umfas 
send gezeigten und deshalb breiten Kreisen unbe- 
kannten Künstler einmal mit einer Retrospektive 
vorzustellen. Zürich war die mittlere Station einer 
Tournee, die in der Kunsthalle Düsseldorf startete 
und im Moderna Museet Stockholm endete. Francis 
Picabia (1879-1953) war nach impressionistischen 
und kubistischen Jugendwerken ein Hauptvertreter 
des Dadaismus, Ja dank seiner Kuriertätigkeit 
zwischen New York, Barcelona, Zürich und Paris so 
etwas wie die Inkarnation des dadaistischen Interna- 
tionalismus. Sein künstlerischer Beitrag zu Dada, in 
Zürich mit einer Reihe von zwischen 1915 und 1925 
entstandenen Hauptwerken vorzüglich dokumentiert, 
besteht in der Formulierung eines «Maschinen-Stils». 
in dem das Formenvokabular der Technik mit dem 
Gefühlsleben des modernen Menschen gepaart ist. 
Dieser nun auch schon der «klassischen Moderne» 
einverleibte Picabia war entsprechend «abgeklärt, 
präsentiert - die nachfolgenden Werkgruppen der 
«Monstres», «Transparences>) und der sogenannten 
Kitschbilder hingegen mit vielen Durchblicken in ein 
spielerisches Ensemble aufgefächert. Diese Rück- 
kehr zu einer extremen Figuration, der unbeschwerte 
Umgang mit der Kunstgeschichte, die Parodie von 
Avantgarde und Stilkunst stiessen auf Unverständnis 
und Ablehnung von Weggefährten und Zeitgenos- 
sen. Erst aus der Distanz unserer Tage und mit den 
Augen der Gegenwartskunst (wie Polke) erscheint 
dieses vom «klassischen» Picabia bislang amputierte 
Werk in einem neuen Licht: als Fortsetzung dadaisti- 
scher Kunst-Verweigerung mit anderen Mitteln. In 
einem dritten Teil war schliesslich eine letzte Werk- 
gruppe zu sehen, mit der sich Picabia nach Kriegs- 
ende dem Informel näherte. Es war Absicht und 
sicher auch Verdienst der Ausstellung, den «ganzen,» 
Picabia gezeigt zu haben, wenn auch Publikum wie 
Presse den augenzwinkernden Esprit eines Tausend- 
sassas nicht sonderlich goutierten. 
Sıgmar Polke 
Eine glückliche Fügung in der Planung der Haupt- 
ausstellungen ermöglichte es, die Übersicht zum 
Werk Sigmar Polkes im Anschluss an die grosse 
Ausstellung Francis Picabias zu zeigen, dem der 
deutsche Künstler in einiger Hinsicht verpflichtet ist: 
Ästhetik des Alltags, die einher geht mit der Attitüde 
der Kunst-Verweigerung, die Parodierung von Stil- 
kunst und Avantgarde prägen über weite Strecken 
das Werk beider Künstler und führen sogar zu ver- 
gleichbaren formalen Lösungen, etwa da, wo sie mit 
mehrfach sich überlagernden Transparence-Formen 
arbeiten. 
Wie der in den Monaten vor Picabias Werkschau 
vorgestellte Jörg Immendorff entstammt auch Polke 
siner richtungsweisenden Akademie der sechziger 
Jahre, nämlich Düsseldorf, jener Schule also, deren 
Absolventen nachhaltig durch die Lehrtätigkeit von 
Joseph Beuvs geprägt worden sind. 
Die Ausstellung zeigte in - mehr oder weniger lok- 
<er gehandhabter - chronologischer Abfolge die 
langjährige künstlerische Entwicklung Polkes mit 
rund 160 Bildern und Objekten aus den Jahren 1962 
bis 1983; angefangen beim <«Kapitalistischen Realis- 
mus» (wie der gemeinsam mit Jörg Immendorff und 
Konrad Fischer-Lueg gefundene, ironisch die west-
	        
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