Volltext: Jahresbericht 1985 (1985)

In der Erreichung dieser Wirkung liegt auch die innere 
Notwendigkeit für die ungewöhnliche Grösse des Bil- 
des, wie es ebenso für Caspar David Friedrichs 
«Mönch am Meer» und Newmans abstrakte Bilder 
oder Bruckners Symphonien und Stifters «Witiko» gilt: 
nicht das Vielteilige und Verschiedenartige, sondern 
das Einheitliche und erhaben Monotone bedarf der 
grossen Form. 
Die ornamental-rhythmische Kraft dieser verschatte- 
ten Hügellinie wird wesentlich durch ihre Entwicklung 
in strenger Bildparallelität gesteigert. So sperrt sie die 
Landschaft in ihrer ganzen Breite und entrückt die da- 
ninter in der Sonne leuchtenden Gebirgsketten in ein 
ternes, unerreichbares Jenseits. Was aber davor liegt 
- See und Bach, der rätselhafte Schatten im Vorder- 
grund, selbst die Schafe -, wird in seinem flächig- 
ornamentalen Charakter betont. Die Gewässer zeugen 
in Ihrem typischen schlängelnden Verlauf, wie ihn 
auch Hodler in seinen Genferseebildern verwendete, 
besonders deutlich von der Verwandtschaft mit den 
Arabesken des Jugendstils. Diese Formen haben aber 
auch eine präzise abbildungshafte Funktion als Ersatz 
für die früher zur Erschliessung der Landschaftstiefe 
unerlässlichen Diagonalen, die von den Symbolisten 
als Bedrohung des einheitlich flächigen Bildgefüges 
der entrückenden, subsakralen Frontalität vermieden 
werden. Nur der Brunnen setzt einen diagonalen Tie- 
fenakzent, doch auch dieser wird durch die Schatten 
und die Konsonanz mit dem Knaben entwertet. Brun- 
nen und Hirte sind so inhaltlich wie formal eröffnende 
und abschliessende Klammern der Komposition; das 
Gefasste und Nahe, über das die Gebirgszüge unbe- 
rührt hinwegziehen - und doch erhält ihre Weite gera- 
de aus diesem Kontrast ihre Spannung. Und es ist, als 
ob die höchste Erhebung der Hügelkette die beiden 
Elemente des Vordergrundes leicht überwölbt; zu ihr 
zieht sich auch in rhythmischen Wellen und die weite 
Tiefe bis in den Mittelgrund ausmessend die wei- 
dende Herde hin, wo das Vieh und die arbeitenden 
Menschen schon winzig klein erscheinen. 
Obwohl das Bild nichts enthält, was der Wirklichkeit 
widerspricht, betrachtet Segantini auch eine solche 
Landschaft als symbolische. Bei aller Hingabe an die 
Erfassung der Natur bis hin zu den farbigen Punkten, 
die die Eigentumsverhältnisse der Schafe markieren. 
wird von der Mikrostruktur des Bodens und Grases 
über die Tiere und Menschen bis hin zur Grossform 
des Landschaftsausschnittes alles in eine künstlerisch 
eigenwertige und aussagekräftige Gestalt umgesetzt. 
So hält sich Segantini nicht mit den anatomischen De- 
tails der Schafe oder der illusionistischen Wiedergabe 
des wolligen Felles auf, sondern sucht ihnen charakte- 
ristisch sprechende Ausdrucksformen zu verleihen: So 
gehören sie ihrer Gestaltung nach bereits eher zu den 
Geschöpfen Henry Moores als zu jenen einer Rosa 
Bonheur. Ebenso entspricht die Malerei im engeren 
Sinne der modernen Auffassung eines Monet oder 
Cezanne: Die Pinsel- und Farbstruktur zeigt sich über- 
all offen und von einem einheitlichen, rein künstleri- 
schen Prinzip bestimmt; in ihrem Gehalt als Gleichnis 
für die alldurchdringenden Wirkkräfte der Natur steht 
sie derjenigen van Goghs nahe. Doch der von Segan- 
tini entwickelten, unendlich arbeitsintensiven Mal- 
weise eignet in ihrer Dichte und Vollendung zugleich 
etwas Altmeisterliches und die ästhetische Evidenz 
übersteigend Objektives. 
Christian Klemm 
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