Volltext: Jahresbericht 1985 (1985)

Verzauberung durch die Neuheit als wesentlichstes 
Qualitätsmerkmal wieder zu lösen beginnt. Arcimbol- 
do oder Cornelis Bos waren in der Form entschieden 
(innovativer) als Rubens oder Rembrandt, trotzdem 
bleiben diese die wesentlichen Künstler, deren Werke 
uns auch heute noch Wichtiges bedeuten. Und wie 
Rembrandt nicht auf Manieristen, sondern auf Leonar- 
do zurückgriff, so erhielt Beuys von Lehmbruck den 
entscheidenden Impuls zu seinem Künstlertum, in dem 
er erkannte, dass in seinen Skulpturen eine «Schwel- 
lensituation des plastischen Begriffs» erreicht wird, in 
der sich am äussersten Punkt der herkömmlichen Pla- 
stik eine neue, innerliche Dimension erschliesst. 
Christian Klemm 
Literatur 
Paul Westheim: Wilhelm Lehmbruck (Berlin 1919) p. 14s, 41 Abb. 44s 
Wilhelm Lehmbruck. Sieben Beiträge zum Gedenken seines Todes- 
tages (Duisburg 1969) p.5s, 69s, 88ss 
Hommage a Lehmbruck —- Lehmbruck in seiner Zeit (Ausst. Kat. 
Duisburg 1981) zu Gutfreund p. 197s 
Dietrich Schubert: Die Kunst Wilhelm Lehmbrucks (Worms 1981) 
o. 165-176 ausführlich zu Rezeption und Deutung, Einwirkung 
Nietzsches? 
Joseph Beuys: Die Flamme weitergeben... Dank an Wilhelm Lehm: 
bruck (Rede vom 12.1.1986, abgedruckt in der Süddeutschen 
Zeitung 1.2.1986 p. 170) 
PIERRE BONNARD 
«LA FAMILLE AU JARDIN (GRAND-LEMPS). 
UM 1901 
Mit sechs Werken von Pierre Bonnard verfügte das 
Kunsthaus bisher über eine ausserordentlich repräser 
tative Werkgruppe dieses Künstlers, der nicht zuletzt 
dank der Reihe von grossen Ausstellungen in Paris, 
Washington, Dallas, Zürich und Frankfurt erneut ins 
Rampenlicht des wissenschaftlichen Interesses ge- 
rückt ist. Ein Frühwerk und ein Gemälde der mittleren 
Periode verleihen der Gruppe die Glanzlichter: das ers 
im vergangenen Jahr erworbene vierteilige Werk 
<«Panneaux decoratifs, Femmes au Jardin) leitet, 1890, 
91 entstanden, als eines der wenigen grossformatiger 
Werke dieser Jahre den strahlend farbigen Flächensti‘ 
der ersten Phase von Bonnards Nabis-Zeit ein. 
«Signac et ses amis en barque» ist eines der seltener 
und deshalb um so bedeutenderen Meerbilder Bon- 
nards aus der Reifezeit der mittleren 20er Jahre. Auci 
die vier etwas kleinformatigeren und somit auch inti- 
meren Bilder, die mit zwei Figurenbildern im Innen- 
raum und zwei Landschaften die beiden - neben der 
Akten — zentralen Bildthemen Bonnards repräsentie- 
ren, sind alle nach 1905 und vor 1915/16 entstanden, 
d.h. sie bereiten den Stil der Reifezeit vor, der am ehe 
sten mit Begriffen wie füllig, strahlend, hell, aber auch 
präzis, Ja sogar streng umschrieben werden kann. 
Um so erfreulicher ist die Tatsache, dass mit der Er- 
werbung des Bildes «La famille au Jardin» ein Werk ir 
die Sammlung gekommen ist, das, um 1901 entstan: 
den, die frühen Panneaux mit den späteren Bildern 
wirkungsvoll in Beziehung setzt. In der Tat steht das 
Gemälde in stilistischer Hinsicht genau im Schnitt- 
punkt zwischen der zu Ende gehenden Nabis-Phase 
und der zukunftsorientierten Raum- und Farbauffas- 
sung des späteren Schaffens. Vor allem die Raumglie 
derung lässt die Gestaltungsweise der Schaffenszeit 
vor der Jahrhundertwende gerade noch spürbar wer 
den. Denn nach dem vergleichsweise plakativen Be- 
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