Verzauberung durch die Neuheit als wesentlichstes
Qualitätsmerkmal wieder zu lösen beginnt. Arcimbol-
do oder Cornelis Bos waren in der Form entschieden
(innovativer) als Rubens oder Rembrandt, trotzdem
bleiben diese die wesentlichen Künstler, deren Werke
uns auch heute noch Wichtiges bedeuten. Und wie
Rembrandt nicht auf Manieristen, sondern auf Leonar-
do zurückgriff, so erhielt Beuys von Lehmbruck den
entscheidenden Impuls zu seinem Künstlertum, in dem
er erkannte, dass in seinen Skulpturen eine «Schwel-
lensituation des plastischen Begriffs» erreicht wird, in
der sich am äussersten Punkt der herkömmlichen Pla-
stik eine neue, innerliche Dimension erschliesst.
Christian Klemm
Literatur
Paul Westheim: Wilhelm Lehmbruck (Berlin 1919) p. 14s, 41 Abb. 44s
Wilhelm Lehmbruck. Sieben Beiträge zum Gedenken seines Todes-
tages (Duisburg 1969) p.5s, 69s, 88ss
Hommage a Lehmbruck —- Lehmbruck in seiner Zeit (Ausst. Kat.
Duisburg 1981) zu Gutfreund p. 197s
Dietrich Schubert: Die Kunst Wilhelm Lehmbrucks (Worms 1981)
o. 165-176 ausführlich zu Rezeption und Deutung, Einwirkung
Nietzsches?
Joseph Beuys: Die Flamme weitergeben... Dank an Wilhelm Lehm:
bruck (Rede vom 12.1.1986, abgedruckt in der Süddeutschen
Zeitung 1.2.1986 p. 170)
PIERRE BONNARD
«LA FAMILLE AU JARDIN (GRAND-LEMPS).
UM 1901
Mit sechs Werken von Pierre Bonnard verfügte das
Kunsthaus bisher über eine ausserordentlich repräser
tative Werkgruppe dieses Künstlers, der nicht zuletzt
dank der Reihe von grossen Ausstellungen in Paris,
Washington, Dallas, Zürich und Frankfurt erneut ins
Rampenlicht des wissenschaftlichen Interesses ge-
rückt ist. Ein Frühwerk und ein Gemälde der mittleren
Periode verleihen der Gruppe die Glanzlichter: das ers
im vergangenen Jahr erworbene vierteilige Werk
<«Panneaux decoratifs, Femmes au Jardin) leitet, 1890,
91 entstanden, als eines der wenigen grossformatiger
Werke dieser Jahre den strahlend farbigen Flächensti‘
der ersten Phase von Bonnards Nabis-Zeit ein.
«Signac et ses amis en barque» ist eines der seltener
und deshalb um so bedeutenderen Meerbilder Bon-
nards aus der Reifezeit der mittleren 20er Jahre. Auci
die vier etwas kleinformatigeren und somit auch inti-
meren Bilder, die mit zwei Figurenbildern im Innen-
raum und zwei Landschaften die beiden - neben der
Akten — zentralen Bildthemen Bonnards repräsentie-
ren, sind alle nach 1905 und vor 1915/16 entstanden,
d.h. sie bereiten den Stil der Reifezeit vor, der am ehe
sten mit Begriffen wie füllig, strahlend, hell, aber auch
präzis, Ja sogar streng umschrieben werden kann.
Um so erfreulicher ist die Tatsache, dass mit der Er-
werbung des Bildes «La famille au Jardin» ein Werk ir
die Sammlung gekommen ist, das, um 1901 entstan:
den, die frühen Panneaux mit den späteren Bildern
wirkungsvoll in Beziehung setzt. In der Tat steht das
Gemälde in stilistischer Hinsicht genau im Schnitt-
punkt zwischen der zu Ende gehenden Nabis-Phase
und der zukunftsorientierten Raum- und Farbauffas-
sung des späteren Schaffens. Vor allem die Raumglie
derung lässt die Gestaltungsweise der Schaffenszeit
vor der Jahrhundertwende gerade noch spürbar wer
den. Denn nach dem vergleichsweise plakativen Be-
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