DADA-SAMMLUNG
Nach der grossen Aktion, mit der 1980 der Aufbau
ainer Dada-Sammlung im Kunsthaus eingeleitet und
1983 mit einer Reihe von Dokumenten ergänzt worden
war, soll nachfolgend die zweite substantielle Vermeh-
rung dieses Sammlungsschwerpunkts vorgestellt wer-
den. Sie verteilt sich auf alle wichtigen Dada-Zentren.
bereichert aber insbesondere Dada Berlin und Dada
Paris.
Beginnen wir mit Zürich: Nach der Publikation des
umfangreichen Sammlungsheftes 11 «Dada in Zürich)
im Juni sind vor allem Werke eher dokumentarischen
Charakters hinzugekommen, welche die Entstehung
des Dadaismus in seiner Geburtsstadt aufzeichnen.
So hat der aus Zwickau gebürtige Maler und Zeichner
Reinhold Rudolf Junghanns 1912 in München die Be-
kanntschaft der Schauspielerin Emmy Hennings ge-
macht und sie wiederholt porträtiert, bevor sie im Mai
1915 mit Hugo Ball nach Zürich kam und im Februar
1916 das «Cabaret Voltaire» mitbegründen sollte. Die
dank verdienstvoller Mithilfen aus dem Nachlass er-
worbenen Radierungen und Lithographien zeugen von
ainer intensiven Beziehung und zeigen Emmy Hen-
nings in schonungslosen Posen und existentiellem
Ausdruck. Ein mit Junghanns von Zürich aus geführter
Briefwechsel, in dem sich eine Einladung für die Eröff-
nung des «Cabaret Voltaire» findet, und unbekannte
Photos stellen zudem neue Quellen für das Verständ-
nis einer schillernden Persönlichkeit und ihres Umkrei-
ses bereit.
Zu einer bereits in der Sammlung befindlichen Studie
«Emmy Hennings im Gefängnis» 1917, von Hans Rich-
ter gesellt sich neu ein ausdrucksstarkes Blatt, das die
Gefangene nun in Nahsicht, verzweifelt an die Gitter-
fenster schlagend, mit schwarzgefüllten, leeren Au-
genhöhlen und schreiendem Mund zeigt. Zwei weitere
Zeichnungen gehören in Richters Porträt-Galerie von
Dadaköpfen der Jahre 1916-18 und fügen ihr Ludwig
Rubiner, den Herausgeber des «Zeit-Echo», und den
geheimnisumwitterten österreichischen Schriftsteller
und Manifest-Verfasser Walter Serner an. Ein Selbst-
porträt fasst Richters spontanen, den Augenblick tref-
fenden Porträtstil überzeugend zusammen: Der ner-
vöse Strich, die «kubistisch> aufgebrochenen Gesichts-
formen und ein unergründlicher Blick widerspiegeln
seine Situation im Jahre 1916 nach einer schweren
Kriegsverwundung, vor oder kurz nach dem Weg ins
Exil.
Welch ein Gegensatz zum Umschlag für die Luxusaus-
gabe von «Dada 3)», den Hans Arp als gouachierte
Schablonen-Komposition gestaltete. Ein völlig unge-
zwungener, ja verspielter Umgang mit Materialien und
Herstellungsprozessen lassen in keiner Weise an das
Kriegsgeschehen denken, vielmehr scheinen der Um-
schlag wie die Holzschnitte im Innern des Hefts Arps
traumwandlerisches Künstlertum zu bekräftigen. Ne-
ben diesem frühen Beispiel für eine Art automatischer,
mit feinen Gradationsunterschieden und leichten Ver-
schiebungen operierender «Reproduktions>-Graphik
durften ebenfalls als Geschenke zwei Bilder von Henry
Wabel aus dem Jahre 1918 und ein Holzschnitt von
Christian Schad von 1915 in die Sammlung aufgenom-
men werden. Diese Werke von Wabel, der 1916 an
der Eröffnungsausstellung im «Cabaret Voltaire» teil-
nehmen durfte, und von Christian Schad, der im Som-
mer 1915 als expressionistischer Graphiker in Zürich
eintraf, machen die künstlerische Spannweite im Zür-
cher Dadaismus gerade gegenüber Arp sehr deutlich.
Die Haupterwerbungen betreffen hingegen den primär
politisch motivierten Dadaismus in Deutschland nach
der November-Revolution. Die Photo- und Textcollage
«Dadabild» von George Grosz ist um 1919 entstanden.
Beim sich neben der Bezeichnung <dadabild> befindli-
chen Vermerk «129.» dürfte es sich um die Ausstel-
lungsnummer der berühmten «Ersten Internationalen
Dada-Messe» handeln, die im Juni 1920 in der Berliner
Kunsthandlung Otto Burchard stattfand. Dort steht im
Namensregister des Katalogs über der betreffenden
Nummer «Grosz-Heartfield mont.: Der Weltdada Ri-
chard Huelsenbeck>. Wenn dem so ist, handelt es sich