abgeschirmten seitlichen Kojen thematische Gruppie-
rungen mit einer Fülle von dicht präsentierten - meist
kleinformatigen —- Exponaten herstellten.
An keinem anderen Bildmotiv jedoch hat Markus Raetz
so viele Abwicklungen vollzogen, so viele Varianten
gefunden, wie am «Kopp. Der Kopf, als Ort der von Raetz
thematisierten Sinneswahrnehmung selbst, zog sich
denn wie das Rückgrat durch die Ausstellung, einset-
zend bei den «Steckköpfen> aus den sechziger Jahren,
über die 1973 entstandenen 644 Profilzeichnungen,
den Wellkarton-Konterfeis so unterschiedlicher Charak:
tere wie Robert Walser und Elvis Presley, den verzo-
genen und platten Aquarellköpfen der Berliner Zeit um
1981/82 bis hin zu den Hinterköpfen und Profilen der
zuletzt entstandenen anamorphotischen Installationen.
Die Ausstellung «Markus Raetz - Arbeiten 1962-1986;,
die durch die Kritik fast einhellig äusserst positiv auf-
genommen worden ist, darf als die erste Schweizer Re-
trospektive des Künstlers angesehen werden. In redu
zierter Form (vermindert vor allem um die Arbeiten
aus den sechziger Jahren) ist sie nach Zürich im Kölni-
schen Kunstverein (7. Dezember 1986 bis 4. Januar
1987) sowie im Moderna Museet Stockholm (25. April
bis 7. Juni 1987) zu sehen. Der in Zusammenarbeit
mit der Edition Stähli, Zürich, herausgegebene Katalog
wird von beiden Stationen übernommen. Die Aus-
stellungstournee ist durch die grosszügige Unterstüt-
zung der Stiftung Pro Helvetia ermöglicht worden.
OSKAR KOKOSCHKA
Zum vierten Male zeigte das Kunsthaus eine breit
angelegte Retrospektive von Oskar Kokoschka. Wäh-
rend die Ausstellungen von 1927, 1947 und 1966
jeweils Jüngsten Schaffensperioden als Etappen einer
Künstlerischen Entwicklung dem Publikum erlaubten,
sich stets von neuem mit dem Lebensweg des Künst-
lers vertraut zu machen, so ist die Ausgangslage für
die Gedächtnisausstellung zum 100. Geburtstag eine
grundlegend andere. Das Werk lieat abgeschlossen
vor uns, Kokoschkas Name hat seinen festen Platz im
Olymp der Klassiker des 20. Jahrhunderts gefunden.
War unter diesen Umständen die neuerliche Auseinan-
dersetzung mit diesem Maler sinnvoll? In Anbetracht
der Publikumsreaktionen muss die Frage zweifellos
bejaht werden. Kokoschka ist merkwürdig bekannt —
unbekannt geblieben und vermag bis heute durchaus
kontroverse Reaktionen auszulösen; dies zweifellos
in erster Linie in bezug auf sein Spätwerk, das noch nie
in vergleichbarer Prägnanz bis in die allerletzten Schaf
fensjahre hinein in einer Retrospektive zu sehen war.
Zweifellos ist unsere Zeit in weit grösserem Masse
disponiert, Kokoschkas künstlerische Botschaft aufzu-
nehmen, als das zukunftsgläubige Dezennium, in dem
dieses emotionsgeladene nicht selten kämpferische
und fragende Alterswerk entstanden ist. Wobei nicht
nur das neuerliche Aufblühen einer expressiven Male-
rei in den frühen 80er Jahren dafür verantwortlich
gemacht werden kann, dass der Kämpfer gegen die
abstrakte Kunst in neue Aktualität zurückgeholt worder
ist. Dieses Eingeholtwerden durch eine jüngere Ent-
wicklung der europäischen Kunstszene hat symptoma-
tischen Charakter. Es ist der - zumindest westlichen -
Menschheit der zukunftsorientierte Kollektivglaube
abhanden gekommen, der für die Zeit vor 1968 so prä-
gend war. Der Mensch als Individuum, ist Fragender,
Leidender, Verängstigter, als Kämpfer determiniert
heute das Bewusstsein der Zeitgenossen weit mehr als
vor 20 Jahren. Emotionen scheinen zuweilen Verstand
und Logik zu bedrängen, das Gefühl des Ausgeliefert-
seins dominiert. Kokoschka ist bis ins hohe Alter von
Emotionen beherrscht worden, ist als Individuum ein
Kämpfer geblieben — seine letzten Bilder zeigen Motive
des Kampfes: Der verschmähte Liebhaber, Time, Gen-
tlemen please, Theseus und Antiope. In diesem Sinne
war es nicht nur die Reverenz vor der Tradition des
Kunsthauses, diese Ausstellung in Zürich zu zeigen, sie
hat sich aus Gründen, die sich ausschliesslich aus der
Botschaft des Künstlers erklären, als Notwendigkeit
erwiesen.
Die Ausstellung wurde zuerst in der Tate Gallery in
London gezeigt; ihre Tournee schloss sie im Solomon
R. Guggenheim Museum in New York ab.