JOAN MIRÖO
Die Begründung, eine Mirö-Retrospektive durchzu-
führen, ist derjenigen der vorgenannten Ausstellung
nicht unähnlich. Wiederum ein sehr bekannter Künstler,
dessen Popularität und Beliebtheit in einem in jeder
Beziehung weitgestreuten Publikum diejenige Kokosch
kas übertrifft. Aber auch hier: ganze Schaffensperio-
den sind merkwürdig unbekannt und insbesondere Im
Schatten des Nachkriegsschaffens geblieben, dessen
weltweite Verbreitung durch eine beinahe unüberseh-
bare Produktion graphischer Blätter gewährleistet
wurde. Dass es hingegen falsch ist und eine bedauer-
liche Einengung bedeutet, Mirö - was häufig geschieht
- primär als Schöpfer dieser meist unbeschwerten,
frohen und kontrastreichen und somit äusserst dekora
tiven graphischen Blätter und späten Bildern zu sehen,
hat unsere Ausstellung in aller Deutlichkeit bewiesen.
Anders als im Falle Kokoschkas, bei dem es galt, das
Alterswerk neu zu überdenken, wurden in der Mirö-
Ausstellung die frühen Phasen besonders herausgear-
beitet. So wurde die Ausstellung durch eine möglichst
eindringliche Darstellung der stilistischen Selbstfin-
dung Mirös um 1920 eröffnet; Höhepunkt dieser Abtei-
lung war das weltberühmte Bild «La Ferme>» von 1921-
22, das sich früher im Besitz von Ernest Hemingway
befand und heute in der National Gallery in Washington
aufbewahrt wird. Der zweite Saal beherbergte die so-
genannten Traumbilder der mittleren 20er Jahre, die
kaum je in vergleichbarer Dichte zu sehen waren. Die
stärkste Korrektur des Bildes vom <heitern Mirö» ging
von den Bildern der 30er Jahre aus, von denen eine
besonders eindrückliche, auch beklemmende Reihe
Zeugnis ablegte von Mirös Mit-Leiden in der Zeit des
spanischen Bürgerkrieges und beginnenden Welt-
krieges. Da ein Grossteil der Werke der frühen und mitt
leren Schaffensphasen sich in amerikanischen öffent-
lichen und privaten Sammlungen befindet, gab es für
unser Publikum manche Überraschung zu ent-
decken.
Die Ausstellung wurde gemeinsam mit der Kunsthalle
Düsseldorf unter Zuzug des derzeit wohl besten Mirö-
Kenners, Jacques Dupin, vorbereitet; nach der Prä-
sentation in Düsseldorf wird sie vom Solomon R. Gug:
genheim Museum New York übernommen.
Ausstellungen im Graphischen Kabinett
Richard Paul Lohse — Zeichnungen 1935—1985
Die Zeichnungen von Richard Paul Lohse sind bisher
kaum bekannt gewesen. 1983 wurde ein Teil in den
Niederlanden im Kunstcentrum Badhuis in Gorinchem
zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Auf den ersten
Blick scheint es sich bei ihnen vor allem um Entwurfs-
skizzen, Strukturpläne und Zahlentabellen für die Farb-
abläufe in seinen Bildern zu handeln. Bei näherem
Zusehen entdeckt man jedoch den hohen ästhetischen
Eigenwert der Zeichnungen.
Unsere von Lohse selbst zusammengestellte Aus-
stellung gab einen Überblick über seine künstlerische
Entwicklung, angefangen mit den frühen Blättern, die
auf seine Väten Malewitsch und Mondrian verweisen
und in denen er noch mit Diagonalen und Kurvaturen
arbeitet. Die folgenden tektonischen. Konstellationen
deuten mit Kreuzungen bereits Bewegung an und stel
len mit Komplementärfarben und Hell-Dunkelwerten
Drehungen her. Lohse verwendet wenige Farben, vor-
nehmlich Farben aus dem Spektralkreis, wobei es ihm
sowohl in der Konstruktion als auch in der Farbe um
gesetzliche Formulierung geht. Sein Ziel, ein Bild mit
systematischen Mitteln herzustellen, ist bereits in der
Zeichnung angelegt. In unserer Ausstellung war die
Gruppe der modularen Zeichnungen, in denen sich die
Formulierung aus einem einfachen Modul entwickelt,
deutlich von der Gruppe der seriellen Zeichnungen
getrennt, in denen Lohses flexibles, quasi unlimitiertes
Ordnungssystem sowie das Prinzip der Farbmengen-
gleichheit zum Ausdruck kommen.