Volltext: Jahresbericht 1986 (1986)

JOAN MIRÖO 
Die Begründung, eine Mirö-Retrospektive durchzu- 
führen, ist derjenigen der vorgenannten Ausstellung 
nicht unähnlich. Wiederum ein sehr bekannter Künstler, 
dessen Popularität und Beliebtheit in einem in jeder 
Beziehung weitgestreuten Publikum diejenige Kokosch 
kas übertrifft. Aber auch hier: ganze Schaffensperio- 
den sind merkwürdig unbekannt und insbesondere Im 
Schatten des Nachkriegsschaffens geblieben, dessen 
weltweite Verbreitung durch eine beinahe unüberseh- 
bare Produktion graphischer Blätter gewährleistet 
wurde. Dass es hingegen falsch ist und eine bedauer- 
liche Einengung bedeutet, Mirö - was häufig geschieht 
- primär als Schöpfer dieser meist unbeschwerten, 
frohen und kontrastreichen und somit äusserst dekora 
tiven graphischen Blätter und späten Bildern zu sehen, 
hat unsere Ausstellung in aller Deutlichkeit bewiesen. 
Anders als im Falle Kokoschkas, bei dem es galt, das 
Alterswerk neu zu überdenken, wurden in der Mirö- 
Ausstellung die frühen Phasen besonders herausgear- 
beitet. So wurde die Ausstellung durch eine möglichst 
eindringliche Darstellung der stilistischen Selbstfin- 
dung Mirös um 1920 eröffnet; Höhepunkt dieser Abtei- 
lung war das weltberühmte Bild «La Ferme>» von 1921- 
22, das sich früher im Besitz von Ernest Hemingway 
befand und heute in der National Gallery in Washington 
aufbewahrt wird. Der zweite Saal beherbergte die so- 
genannten Traumbilder der mittleren 20er Jahre, die 
kaum je in vergleichbarer Dichte zu sehen waren. Die 
stärkste Korrektur des Bildes vom <heitern Mirö» ging 
von den Bildern der 30er Jahre aus, von denen eine 
besonders eindrückliche, auch beklemmende Reihe 
Zeugnis ablegte von Mirös Mit-Leiden in der Zeit des 
spanischen Bürgerkrieges und beginnenden Welt- 
krieges. Da ein Grossteil der Werke der frühen und mitt 
leren Schaffensphasen sich in amerikanischen öffent- 
lichen und privaten Sammlungen befindet, gab es für 
unser Publikum manche Überraschung zu ent- 
decken. 
Die Ausstellung wurde gemeinsam mit der Kunsthalle 
Düsseldorf unter Zuzug des derzeit wohl besten Mirö- 
Kenners, Jacques Dupin, vorbereitet; nach der Prä- 
sentation in Düsseldorf wird sie vom Solomon R. Gug: 
genheim Museum New York übernommen. 
Ausstellungen im Graphischen Kabinett 
Richard Paul Lohse — Zeichnungen 1935—1985 
Die Zeichnungen von Richard Paul Lohse sind bisher 
kaum bekannt gewesen. 1983 wurde ein Teil in den 
Niederlanden im Kunstcentrum Badhuis in Gorinchem 
zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Auf den ersten 
Blick scheint es sich bei ihnen vor allem um Entwurfs- 
skizzen, Strukturpläne und Zahlentabellen für die Farb- 
abläufe in seinen Bildern zu handeln. Bei näherem 
Zusehen entdeckt man jedoch den hohen ästhetischen 
Eigenwert der Zeichnungen. 
Unsere von Lohse selbst zusammengestellte Aus- 
stellung gab einen Überblick über seine künstlerische 
Entwicklung, angefangen mit den frühen Blättern, die 
auf seine Väten Malewitsch und Mondrian verweisen 
und in denen er noch mit Diagonalen und Kurvaturen 
arbeitet. Die folgenden tektonischen. Konstellationen 
deuten mit Kreuzungen bereits Bewegung an und stel 
len mit Komplementärfarben und Hell-Dunkelwerten 
Drehungen her. Lohse verwendet wenige Farben, vor- 
nehmlich Farben aus dem Spektralkreis, wobei es ihm 
sowohl in der Konstruktion als auch in der Farbe um 
gesetzliche Formulierung geht. Sein Ziel, ein Bild mit 
systematischen Mitteln herzustellen, ist bereits in der 
Zeichnung angelegt. In unserer Ausstellung war die 
Gruppe der modularen Zeichnungen, in denen sich die 
Formulierung aus einem einfachen Modul entwickelt, 
deutlich von der Gruppe der seriellen Zeichnungen 
getrennt, in denen Lohses flexibles, quasi unlimitiertes 
Ordnungssystem sowie das Prinzip der Farbmengen- 
gleichheit zum Ausdruck kommen.
	        
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