Volltext: Jahresbericht 1986 (1986)

Sammlung 
Das Jahr 1986 wird als cannus mirabilis» für die Samm- 
ung Alter Meister in die Annalen des Kunsthauses 
aingehen, denn kurz vor Weihnachten vollendete sich, 
was schon seit Jahren reifte: das Ehepaar Betty und 
David M. Koetser überschrieb der von ihnen errichteten 
Stiftung sämtliche hier ausgestellten Gemälde. Seit 
deren Gründung 1975 pflegten sie jährlich ein Bild zu 
schenken, nun wuchs der Bestand mit einem Schlag 
um 59 Nummern auf insgesamt 67 Werke. 
David M. Koetser gehörte seit den Dreissiger Jahren 
zu den international bedeutendsten Händlern von 
Altmeister-Gemälden. Zunächst in London, während 
und nach dem Kriege vor allem in New York tätig, 
war die italienische Barockmalerei seine eigentliche 
Spezialität: in diesem damals noch wenig erforschten 
Zebiet konnte sich seine ausserordentliche Kenner- 
schaft und sein untrügliches Qualitätsgefühl besonders 
antfalten und zur Geltung bringen. So vermögen die 
repräsentativen «Gallery Pictures» im grossen Mittelsaal 
beispielhaft die Hauptströmungen dieser Epoche zu 
vergegenwärtigen: von der idealen Landschaft Dome- 
nichinos mit ihrer an klassischen Vorbildern geschul- 
ten Figurengruppe und der von Caravaggio inspirierten 
Szene Stomers - beides Hauptwerke ihrer Meister — 
über den Beitrag der neapolitanischen Schule mit Wer- 
ken Francanzanos, Pretis und Salvator Rosas bis zum 
dekorativ virtuosen Spätbarock Sebastiano Riccis. 
Er bildet zugleich den Übergang zum zweiten Schwer- 
gunkt der Sammlung Koetser: der lichten Malerei 
des venezianischen Settecento, die sowohl mit Figuren- 
bildern als in den heute so faszinierenden Veduten 
Canalettos und Guardis vertreten ist; besonders hervor- 
heben möchten wir die beiden seltenen frühen An- 
sichten Bernardo Bellottos. 
Wenige, präzis ausgewählte Gemälde des 16. und 
15. Jahrhunderts eröffnen eine historische Tiefendimen: 
sion: so tönen die zwei «Kirchenväten Veroneses be- 
reits die Festlichkeit Canalettos, das Porträt Moronis die 
strenge Objektivität und den hohen Kunstverstand 
Bellottos an. Rätselhaft ragt das ganzfigurige Bildnis 
des Cardinal de Lorraine, allem Anschein nach ein 
Frühwerk Grecos, aus dieser Gruppe. Eines der ältesten 
Werke, Matteo di Giovannis Predellentafel, ist zugleich 
das erste Bild, das David Koetser je gekauft hat, mit 
ihm manch Abenteuerliches erlebte und ihn schliesslich 
mit vielen anderen Werken bei der Übersiedlung nach 
Zürich 1966 begleitete. Nun traten die niederländischen 
Meister stärker in den Vordergrund, so dass sie heute 
in seiner Sammlung gleichwertig neben den Italienern 
stehen. Auch hier stammen die frühesten Bilder — Por- 
träts von Memling und des Meisters der Ursulalegende 
- noch aus dem 15. Jahrhundert. Die ungewöhnlich 
grosse Tafel Isenbrandts leitet zu einem Höhepunkt der 
Sammlung, den fünf miniaturhaft feinen und doch 
sinen ganzen Kosmos umfassenden Gemälden Jan 
Brueghels des Älteren. Ähnlich hervorragend sind Jan 
van Goyen und Nicolaes Berchem vertreten; nicht 
unerwähnt dürfen das geheimnisvolle frühe Stilleben 
Balthasar van der Asts und der (Triumphzug des Bac- 
chuskindes> van Dveks bleiben. 
Diese nach Umfang und Qualität bedeutendste Samm- 
lung, die jemals ins Kunsthaus gelangte, kann im Rah- 
men des Jahresberichtes nicht erschöpfend behandelt 
werden; sie erfordert einen eigenen Katalog, der im 
Verlauf des Frühjahrs vorgelegt werden soll. Doch auch 
nier sei Betty und David M. Koetser der herzliche 
Dank für diese grossartige Bereicherung des Zürcher 
Kunstbesitzes ausgesprochen. 
Jer Zufall will es, dass neben der Sammlung Koetser 
10ch zwei weitere bedeutende alte Gemälde ins Kunst 
4aus gelangten. Die Ruzicka-Stiftung erwarb aus den 
Versicherungssummen der 1985 verlorenen Bilder von 
Rubens eine «Heilige Familie» des gleichen Meisters, 
was in verschiedener Hinsicht als ein besonderer Glücks- 
fall bezeichnet werden darf: ein Optimum, das wir
	        
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