Full text: Jahresbericht 1990 (1990)

Kellers Reischen, evoziert, sodann die von ihm gesehenen 
und kommentierten Werke vereint und schliesslich der 
verkehrs- und gesellschaftspolitische Hintergrund im 
Spannungsfeld von Gotthardpost und -tunnel, von Tell- 
und Escherdenkmal angedeutet. Die beiden hinteren 
Räume führten Kellers ästhetische Pole Ideal und Wirk- 
lichkeit mit den wichtigsten Gemälden aus Böcklins 
Zürcher Zeit und einem repräsentativen Querschnitt durch 
das Lebenswerk von Karl Stauffer weiter. Dazwischen 
hingen sich die Keller-Bildnisse der beiden Maler gegen- 
über; Weltis «Poetentod» markierte den Schluss der durch 
zahlreiche Kommentare erläuterten Ausstellung. ChK 
GSMBA und «Kunstszene Zürich» 
Eine Koinzidenz in der Terminplanung wollte es, dass sich 
ın den drei Ausstellungsräumen im Erdgeschoss Ende 1990 
und Anfang 1991 unmittelbar nacheinander Präsentationen 
von Zürcher Künstlern folgten. So stiess der Vorschlag, 
sowohl die Arbeiten der beiden Künstler-Verbände 
GSMBA und GSMBK wie auch den vom Kunsthaus 
gewählten Ausschnitt aus der unabhängigen «Kunstszene» 
auf räumliche Interpretationen und Eingriffe von jeweils 
drei Kunstschaffenden zu konzentrieren, bei allen Betei- 
'igten auf reges Interesse. 
Aus 18 von den GSMBA-Mitgliedern eingesandten 
Entwürfen hatte eine paritätisch besetzte Auswahlkommis- 
sion die Raumprojekte von Michael Baviera, müller-emil 
und Elsie Wyss zur Realisierung vorgeschlagen, was der 
Gesamtausstellung eine Akzentuierung des Konstruktiven 
zu verleihen versprach. Alle drei Installationen setzten 
ausserdem auch die Bewegung des Betrachters voraus, was 
sich beim Besuch der mit relativ sparsamen Mitteln ausge- 
führten Räume bestätigte: bei Baviera durch die an eine 
Mittelwand «gespiegelten», die Perspektive künstlich 
beschleunigenden schwarzen und weissen, bogenförmig 
angeordneten Säulenreihen, bei Elsie Wyss durch die im 
Raumgeviert verdoppelte schwarze Stütze, die die Sicht auf 
eine treppenförmig abgestufte Bleistiftlinie immer wieder 
unterbrach, und bei müller-emil durch drei gleich grosse, 
auf drei Wänden die Grundfarben modifizierende Bilder, 
die mit einem ebenso grossen schwarzen Bodenelement 
Zwiesprache hielten. Sowohl die Sektion der GSMBA wie 
auch das Publikum und die Presse haben das vom Kunst- 
haus vorgeschlagene Modell der «Drei mal drei Räume» 
sehr begrüsst. 
Hatte formale Strenge die räumlichen Eingriffe der 
GSMBA-Mitglieder ausgezeichnet, herrschte in der 
«Kunstszene» mit den Installationen dreier jüngerer 
Zürcher Künstler (bzw. einem Künstlergespann) ein völlig 
anderer Geist. Bei äusserlich evidenter Verschiedenartig- 
keit der künstlerischen Ausdrucksformen von Marcel 
Biefer/Beat Zgraggen (Raum I), Hannes Brunner (Raum II) 
und Adrıan Schiess (Raum II) kalkulierten alle drei 
Eingriffe den Museumsraum als eigentlich «kunstprodu- 
zierenden» Faktor mit ein: Hier erst konnten die figura- 
iven, teils abgegossenen Zement- und Gipsskulpturen von 
Biefer/Zgraggens «Prophezeiungen» zu Fundstücken eines 
solcherart (re)konstruierten Gräberfeldes werden, Brun- 
ners kritische Simulation «verstummter» Lautsprecher zu 
jenem an der Decke aufgehängten, spiralförmig in das 
Rauminnere ziehenden «Hörgang» und Schiess’ aquarel- 
lierte Blätter und «zufällig» bemalten Papierstücke zu 
einem freischwingenden Fries im Raumkubus werden. 
Als extreme Gegenposition jüngerer Künstler, die teils 
expressive Mittel im Kunstkontext reflektierten, wurden 
auch diese drei Räume im Rahmen der ganzen «Kunst- 
szene» als Diskussionsbeiträge sehr geschätzt und in den 
Medien entsprechend kommentiert. TS 
AUSSTELLUNGEN IN DER SAMMLUNG 
La Mamma a Stampa - Annella gesehen von Giovanni und Alberto 
Giacomelti 
Mehrere wertvolle Geschenke und Leihgaben, die uns 
Bruno Giacometti in den letzten Jahren brachte, zeigen — 
teils von Alberto, teils von Giovanni gestaltet — die ausser- 
gewöhnliche Persönlichkeit der Annetta, die für Gatte und 
Sohn sowohl menschlich als auch als Modell zentrale 
Bedeutung hatte. Da sich an diesem gemeinsamen Sujet 
Kontinuität und Differenz in der Kunst der beiden Giaco- 
metti beispielhaft aufzeigen lassen, versuchten wir zum
	        
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