Volltext: Jahresbericht 1990 (1990)

SAMMLUNG 
Das vergangene Jahr verlief für den Ausbau der Sammlung 
recht ungewöhnlich, indem zwei sehr bedeutende Kunst- 
werke erhältlich wurden, deren Ankauf sich unabweislich 
aufdrängte und die ganz neue Dimensionen erschlossen, 
andererseits aber auch die prekäre finanzielle Lage erbar- 
mungslos ans Licht brachten. 
Schon lange bestand der vielseitige Wunsch, ein 
Gemälde von Robert Ryman zu erwerben — ein Künstler, 
der in seinem kompromisslos strengen methodischen 
Ansatz die Schweizer besonders anspricht. Da seine 
Produktion sehr gering ist und von mehreren leidenschaft- 
lichen Sammlern aufgekauft wird, konnte bisher ausser 
einer graphischen Folge nur eines der weniger gesuchten, 
praktisch strukturlos weissen Bilder erworben werden. 
Anlässlich der letzten Ausstellung in New York mit den 
1988 und 1989 entstandenen Werken honorierten nun der 
Künstler und seine Vermittler unsere langjährigen Bemü- 
hungen und offerierten nebst kleinen Tafeln das unge- 
wöhnlich grosse und malerisch reich ausgeführte Gemälde 
«Correspondent», ohne Zweifel das bedeutendste dieser 
Jahre. Obwohl der Preis wesentlich unter dem ın Versteige- 
rungen erzielten Niveau lag, war er beträchtlich und 
berührte die Grenzen unserer Möglichkeiten. Trotzdem 
galt es, diese ungewöhnliche Gelegenheit zu ergreifen, 
wenn man nicht definitiv auf eine repräsentative Vertretung 
dieses wohl konsequentesten «reinen» Malers seiner Gene- 
ration verzichten wollte. 
Kaum hatte die Sammlungskommission mit mutigem 
Entschluss das grosse Gemälde von Ryman erworben, als 
im Vorfeld der Baselitz-Retrospektive der Direktor dessen 
soeben entstandenes Monumentalwerk «45» erblickte. Die 
sinnliche Dichte zu erfahren, die überraschende Neuartig- 
keit zu erfassen und der Wunsch, die zwanzig Tafeln der 
Zürcher Sammlung einzuverleiben, waren eins. Auch hier 
veranlasste der Künstler, dass das Kunsthaus vor anderen 
Interessenten berücksichtigt würde. Im Rahmen der 
grossen Ausstellung konnte das Werk näher geprüft und 
seine dem berühmten, ähnlich zyklischen «Strassenbild» 
vergleichbare Bedeutung festgestellt werden. Nachdem im 
Vorjahr zu den beiden früheren Arbeiten die Skulptur 
«Gruss aus Oslo» und das von der Vereinigung Zürcher 
Kunstfreunde erworbene Diptychon «Das Atelier» kamen 
und somit eine repräsentative Werkgruppe des wohl bedeu- 
tendsten deutschen Malers der Gegenwart entstand, bot 
sich nun die Gelegenheit, dieser Auswahl einen ähnlich 
einzigartigen Rang zu verleihen wie den älteren Schwer- 
ounkten der Kunsthaus-Sammlung. 
Wollte man dem wohlerwogenen Entschluss die Tat 
folgen lassen, musste man auch für die Finanzierung zu 
aussergewöhnlichen Mitteln greifen. Denn nachdem das 
etliche Millionen umfassende Legat von Ungenannt 
nahezu ausgeschöpft ist, zeigt sich das Ungenügen des seit 
1976 stagnierenden Sammlungsfonds I in seiner vollen 
Schärfe. Nur der eine, von verschiedensten Seiten immer 
wieder in Vorschlag gebrachte Weg schien offen: der der 
Verkäufe. Seit der Erwerbung von Vuillards «Grand inte- 
rieum» und Gericaults «Hufschmied» vermied man diese 
Notlösung; nun griff man nach gründlicher Diskussion der 
Prinzipien, die in einem Pressecommunique öffentlich 
mitgeteilt wurden, und sorgfältiger, unter Beiziehung 
verschiedener Experten durchgeführter Evaluation der 
geeigneten Objekte darauf zurück. Die Wahl fiel auf zwei 
1931 bzw. 1942 erworbene und seither ins Depot verdrängte 
Gemälde von Renoir; durch die seither errichteten Stif- 
tungen von Emil Bührle, Oskar Reinhart und Sidney und 
Jenny Brown ist nun das Werk Renoirs in unserer Gegend ın 
einer grossartigen Dichte und Breite vertreten, zu der die 
beiden genannten Gemälde nichts mehr beitragen 
konnten. Die an sich unpopuläre Massnahme, die bei den 
sachlich informierten und selbständig wertenden Kunst- 
liebhabern allgemein auf Zustimmung oder wenigstens auf 
Verständnis stiess, soll keineswegs zur üblichen Praxis 
verkommen. Auch hier bleibt zu betonen, dass der Wille 
der Schenkgeber auf jeden Fall respektiert wird. 
In dieser schwierigen Situation war die grosszügige 
finanzielle Unterstützung durch zwei Institutionen 
doppelt willkommen. Der Georges und Jenny Bloch-Stif- 
tung sind wir sehr dankbar, dass sie das grosszügige 
Mäzenatentum von Herrn Georges Bloch fortführte und 
nach dem Tode seiner Frau in Ausführung ihres Wunsches 
dem Kunsthaus 250 000 Fr. zukommen liess. Die Zürcher 
Kantonalbank setzte ein markantes Zeichen für ihre Bereit-
	        
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