SAMMLUNG
Das vergangene Jahr verlief für den Ausbau der Sammlung
recht ungewöhnlich, indem zwei sehr bedeutende Kunst-
werke erhältlich wurden, deren Ankauf sich unabweislich
aufdrängte und die ganz neue Dimensionen erschlossen,
andererseits aber auch die prekäre finanzielle Lage erbar-
mungslos ans Licht brachten.
Schon lange bestand der vielseitige Wunsch, ein
Gemälde von Robert Ryman zu erwerben — ein Künstler,
der in seinem kompromisslos strengen methodischen
Ansatz die Schweizer besonders anspricht. Da seine
Produktion sehr gering ist und von mehreren leidenschaft-
lichen Sammlern aufgekauft wird, konnte bisher ausser
einer graphischen Folge nur eines der weniger gesuchten,
praktisch strukturlos weissen Bilder erworben werden.
Anlässlich der letzten Ausstellung in New York mit den
1988 und 1989 entstandenen Werken honorierten nun der
Künstler und seine Vermittler unsere langjährigen Bemü-
hungen und offerierten nebst kleinen Tafeln das unge-
wöhnlich grosse und malerisch reich ausgeführte Gemälde
«Correspondent», ohne Zweifel das bedeutendste dieser
Jahre. Obwohl der Preis wesentlich unter dem ın Versteige-
rungen erzielten Niveau lag, war er beträchtlich und
berührte die Grenzen unserer Möglichkeiten. Trotzdem
galt es, diese ungewöhnliche Gelegenheit zu ergreifen,
wenn man nicht definitiv auf eine repräsentative Vertretung
dieses wohl konsequentesten «reinen» Malers seiner Gene-
ration verzichten wollte.
Kaum hatte die Sammlungskommission mit mutigem
Entschluss das grosse Gemälde von Ryman erworben, als
im Vorfeld der Baselitz-Retrospektive der Direktor dessen
soeben entstandenes Monumentalwerk «45» erblickte. Die
sinnliche Dichte zu erfahren, die überraschende Neuartig-
keit zu erfassen und der Wunsch, die zwanzig Tafeln der
Zürcher Sammlung einzuverleiben, waren eins. Auch hier
veranlasste der Künstler, dass das Kunsthaus vor anderen
Interessenten berücksichtigt würde. Im Rahmen der
grossen Ausstellung konnte das Werk näher geprüft und
seine dem berühmten, ähnlich zyklischen «Strassenbild»
vergleichbare Bedeutung festgestellt werden. Nachdem im
Vorjahr zu den beiden früheren Arbeiten die Skulptur
«Gruss aus Oslo» und das von der Vereinigung Zürcher
Kunstfreunde erworbene Diptychon «Das Atelier» kamen
und somit eine repräsentative Werkgruppe des wohl bedeu-
tendsten deutschen Malers der Gegenwart entstand, bot
sich nun die Gelegenheit, dieser Auswahl einen ähnlich
einzigartigen Rang zu verleihen wie den älteren Schwer-
ounkten der Kunsthaus-Sammlung.
Wollte man dem wohlerwogenen Entschluss die Tat
folgen lassen, musste man auch für die Finanzierung zu
aussergewöhnlichen Mitteln greifen. Denn nachdem das
etliche Millionen umfassende Legat von Ungenannt
nahezu ausgeschöpft ist, zeigt sich das Ungenügen des seit
1976 stagnierenden Sammlungsfonds I in seiner vollen
Schärfe. Nur der eine, von verschiedensten Seiten immer
wieder in Vorschlag gebrachte Weg schien offen: der der
Verkäufe. Seit der Erwerbung von Vuillards «Grand inte-
rieum» und Gericaults «Hufschmied» vermied man diese
Notlösung; nun griff man nach gründlicher Diskussion der
Prinzipien, die in einem Pressecommunique öffentlich
mitgeteilt wurden, und sorgfältiger, unter Beiziehung
verschiedener Experten durchgeführter Evaluation der
geeigneten Objekte darauf zurück. Die Wahl fiel auf zwei
1931 bzw. 1942 erworbene und seither ins Depot verdrängte
Gemälde von Renoir; durch die seither errichteten Stif-
tungen von Emil Bührle, Oskar Reinhart und Sidney und
Jenny Brown ist nun das Werk Renoirs in unserer Gegend ın
einer grossartigen Dichte und Breite vertreten, zu der die
beiden genannten Gemälde nichts mehr beitragen
konnten. Die an sich unpopuläre Massnahme, die bei den
sachlich informierten und selbständig wertenden Kunst-
liebhabern allgemein auf Zustimmung oder wenigstens auf
Verständnis stiess, soll keineswegs zur üblichen Praxis
verkommen. Auch hier bleibt zu betonen, dass der Wille
der Schenkgeber auf jeden Fall respektiert wird.
In dieser schwierigen Situation war die grosszügige
finanzielle Unterstützung durch zwei Institutionen
doppelt willkommen. Der Georges und Jenny Bloch-Stif-
tung sind wir sehr dankbar, dass sie das grosszügige
Mäzenatentum von Herrn Georges Bloch fortführte und
nach dem Tode seiner Frau in Ausführung ihres Wunsches
dem Kunsthaus 250 000 Fr. zukommen liess. Die Zürcher
Kantonalbank setzte ein markantes Zeichen für ihre Bereit-