MANETS «ESPAGNOLE»
Pastell — ein merkwürdig ambivalentes Medium, mit
widersprüchlichsten Assoziationen behaftet. Man ist un-
schlüssig, ob man an Rosa und Himmelblau, an Patisserie
und Petit point denken will oder eher an «Grell Pastell»,
dem für die postmodernen achtziger Jahre aufgeweichten
Neon — cool, aber touchy. Modisch und oberflächlich
wäre der gemeinsame Nenner, das Farbpuder für Theater-
schminke und künstliche Blumen. Oberflächlich heisst
aber häufig zugleich elementar: Pastell, reine Erdpig-
mente ohne Bindemittel, war bereits die Technik der
Höhlenmaler. Um die elementare Oberfläche, das flaumig
sinnliche «veloute» der Haut ging es den Meistern des
Dixhuitieme; besser als der ölgetränkte Pinsel Bouchers
haben die Pastellkreiden Quentin de la Tours und Chardins
deren atmende Lebendigkeit erfasst. Und obwohl Pastelle
auf jeden Eingriff höchst empfindlich reagieren, bleiben
sie unberührt unvergleichlich frisch und ursprünglich
erhalten, während Bindemittel und Firnisse gerade
Gemälde des 19. Jahrhunderts oft trüb verfärbten.
Die Höhlenmalerei kann Edouard Manet (1832-1883)
kaum gekannt haben, ganz geläufig war ihm hingegen
die Portraitkunst des Rokoko; seine Schwägerin und Schü-
lerin Berthe Morisot stammte in direkter Linie von
Fragonard ab. Sein erstes nennenswertes Pastell, Mme
Manet in Weiss und Taubengrau auf blauem Diwan vor
beiger Wand erinnert bis in die Farben, ja selbst in der
häuslich gepflegten Stimmung an Liotard. Und wie bei
ihm bleiben in diesem vereinzelten, bildhaften Werk die
Freiheiten, die das Medium erlaubt und Quentin de la Tour
so virtuos einsetzte, unberücksichtigt; erst fünf Jahre später
entdeckt Manet die besondere Eignung der Technik für
seine Absichten. Die entscheidende Anregung scheint von
de Nittis ausgegangen zu sein, den die meisten Zürcher
wohl erst dank der Ausstellung «Landschaft im Licht» im
letzten Sommer zur Kenntnis nahmen und von dem sich
ein Pastell im Nachlasse Manets fand. Der zwischen
Neapel, Parıs und London pendelnde de Nittis, der neben
seinen impressionistischen Landschaften auch elegante
Genreszenen malte, war entzückt, im Pastell seine histo-
rische Vorliebe mit der Darstellung der «vie moderne»
bruchlos verbinden zu können.
Dem heutigen, und zumal dem schweizerischen
Betrachter dürfte die Beziehung des Impressionismus
zum Rokoko trotz der Zeitgleichheit mit dem Neorokoko
und den von diesem bestimmten Bilderrahmen eher
befremden. Und doch liegt beiden ein sensualistisch-empi-
ristischer Ansatz zu Grunde; die metaphysischen Fragen
rücken in den Hintergrund, verschwinden hinter dem
Erfassen der Sinneseindrücke, die ihrerseits die ganze
Problematik der Wahrnehmung und die Gestaltung der
malerischen Oberfläche, der offenen «peinture» und ihrer
Augenreize auslösen. Die Haltung ist hedonistisch,
modern, die «Tiefe» liegt in der unvergleichlich intensiv
kultivierten Oberfläche. Die Sensibilität der Freres
Goncourt, der Beginn von Baudelaires grundlegendem
Text «Le Peintre de la vie moderne», in dem dieser «Maler
des modernen Lebens» in die Nachfolge der Sitten- und
Modeschilderer des XVIII® gestellt wird, verdeutlichen,
dass den führenden Kritikern dieser Zusammenhang
durchaus bewusst war. So wie Chardins späte Pastelle durch
ihre aus unterschiedlichen Tönen gewobenen Schraffuren
auf den impressionistischen Divisionismus vorausweisen,
zeigt nichts das Wurzeln des Impressionismus in dieser
spezifisch französischen Tradition und ihrer malerischen
Kultur besser als die Pastelle Manets. Die «Espagnole»
öffnet so in unserer Sammlung eine weitere historische
Tiefendimension neben Corots «Cervara» und Delacroix’
«Milton», die auf die heroischen Landschaften Poussins,
den holländischen Realismus des XVII. Jahrhunderts und
die Historien Raphaels zurückverweisen. Im Kunsthaus
würde die Suche nach jenem Werk, das dem Pastell Manets
in den Farben am nächsten kommt, unweigerlich zu
Pellegrinis «Venus» führen, in der die Essenz von Bouchers
Götterwelt schon anklingt.
Das selbstverständliche, bis zum Schockierenden
unmittelbare Hereinholen älterer, klassischer Kunstformen
in die Gegenwart gehört seit dem «De&jeuner sur l’herbe»
und der «Olympia» zu den unheimlichen Stärken Manets.