Volltext: Jahresbericht 1990 (1990)

MANETS «ESPAGNOLE» 
Pastell — ein merkwürdig ambivalentes Medium, mit 
widersprüchlichsten Assoziationen behaftet. Man ist un- 
schlüssig, ob man an Rosa und Himmelblau, an Patisserie 
und Petit point denken will oder eher an «Grell Pastell», 
dem für die postmodernen achtziger Jahre aufgeweichten 
Neon — cool, aber touchy. Modisch und oberflächlich 
wäre der gemeinsame Nenner, das Farbpuder für Theater- 
schminke und künstliche Blumen. Oberflächlich heisst 
aber häufig zugleich elementar: Pastell, reine Erdpig- 
mente ohne Bindemittel, war bereits die Technik der 
Höhlenmaler. Um die elementare Oberfläche, das flaumig 
sinnliche «veloute» der Haut ging es den Meistern des 
Dixhuitieme; besser als der ölgetränkte Pinsel Bouchers 
haben die Pastellkreiden Quentin de la Tours und Chardins 
deren atmende Lebendigkeit erfasst. Und obwohl Pastelle 
auf jeden Eingriff höchst empfindlich reagieren, bleiben 
sie unberührt unvergleichlich frisch und ursprünglich 
erhalten, während Bindemittel und Firnisse gerade 
Gemälde des 19. Jahrhunderts oft trüb verfärbten. 
Die Höhlenmalerei kann Edouard Manet (1832-1883) 
kaum gekannt haben, ganz geläufig war ihm hingegen 
die Portraitkunst des Rokoko; seine Schwägerin und Schü- 
lerin Berthe Morisot stammte in direkter Linie von 
Fragonard ab. Sein erstes nennenswertes Pastell, Mme 
Manet in Weiss und Taubengrau auf blauem Diwan vor 
beiger Wand erinnert bis in die Farben, ja selbst in der 
häuslich gepflegten Stimmung an Liotard. Und wie bei 
ihm bleiben in diesem vereinzelten, bildhaften Werk die 
Freiheiten, die das Medium erlaubt und Quentin de la Tour 
so virtuos einsetzte, unberücksichtigt; erst fünf Jahre später 
entdeckt Manet die besondere Eignung der Technik für 
seine Absichten. Die entscheidende Anregung scheint von 
de Nittis ausgegangen zu sein, den die meisten Zürcher 
wohl erst dank der Ausstellung «Landschaft im Licht» im 
letzten Sommer zur Kenntnis nahmen und von dem sich 
ein Pastell im Nachlasse Manets fand. Der zwischen 
Neapel, Parıs und London pendelnde de Nittis, der neben 
seinen impressionistischen Landschaften auch elegante 
Genreszenen malte, war entzückt, im Pastell seine histo- 
rische Vorliebe mit der Darstellung der «vie moderne» 
bruchlos verbinden zu können. 
Dem heutigen, und zumal dem schweizerischen 
Betrachter dürfte die Beziehung des Impressionismus 
zum Rokoko trotz der Zeitgleichheit mit dem Neorokoko 
und den von diesem bestimmten Bilderrahmen eher 
befremden. Und doch liegt beiden ein sensualistisch-empi- 
ristischer Ansatz zu Grunde; die metaphysischen Fragen 
rücken in den Hintergrund, verschwinden hinter dem 
Erfassen der Sinneseindrücke, die ihrerseits die ganze 
Problematik der Wahrnehmung und die Gestaltung der 
malerischen Oberfläche, der offenen «peinture» und ihrer 
Augenreize auslösen. Die Haltung ist hedonistisch, 
modern, die «Tiefe» liegt in der unvergleichlich intensiv 
kultivierten Oberfläche. Die Sensibilität der Freres 
Goncourt, der Beginn von Baudelaires grundlegendem 
Text «Le Peintre de la vie moderne», in dem dieser «Maler 
des modernen Lebens» in die Nachfolge der Sitten- und 
Modeschilderer des XVIII® gestellt wird, verdeutlichen, 
dass den führenden Kritikern dieser Zusammenhang 
durchaus bewusst war. So wie Chardins späte Pastelle durch 
ihre aus unterschiedlichen Tönen gewobenen Schraffuren 
auf den impressionistischen Divisionismus vorausweisen, 
zeigt nichts das Wurzeln des Impressionismus in dieser 
spezifisch französischen Tradition und ihrer malerischen 
Kultur besser als die Pastelle Manets. Die «Espagnole» 
öffnet so in unserer Sammlung eine weitere historische 
Tiefendimension neben Corots «Cervara» und Delacroix’ 
«Milton», die auf die heroischen Landschaften Poussins, 
den holländischen Realismus des XVII. Jahrhunderts und 
die Historien Raphaels zurückverweisen. Im Kunsthaus 
würde die Suche nach jenem Werk, das dem Pastell Manets 
in den Farben am nächsten kommt, unweigerlich zu 
Pellegrinis «Venus» führen, in der die Essenz von Bouchers 
Götterwelt schon anklingt. 
Das selbstverständliche, bis zum Schockierenden 
unmittelbare Hereinholen älterer, klassischer Kunstformen 
in die Gegenwart gehört seit dem «De&jeuner sur l’herbe» 
und der «Olympia» zu den unheimlichen Stärken Manets.
	        
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