Volltext: Jahresbericht 1991 (1991)

Sammlung, eine träumerisch schwebende Gestalt, Botti- 
celli näher als Hodler. Durch das Spiel der Grund-Muster- 
Relationen werden die schweifenden Linien in flächige 
Gestaltungen eingebunden; die Hell-Dunkel-Abstufungen 
sind ganz in die Farbskala, von Schwarz-Blau bis Grün- 
Weiss integriert und dienen keineswegs der Modellierung, 
wie die geistreiche Ambivalenz in der gezielt antinaturali- 
stischen Behandlung der unendlichen Schlaufe des Gürtel- 
bandes mit dem italienischen Motto «Alles Lebende lobe 
den Herrn» verdeutlicht. In Adam und Em — Augusto 
begann damals im Aktzeichnen zu unterrichten — systema- 
tisiert er die hier unvermeidliche Modellierung in zwei 
flächigen Tonstufen, die mit dem hellgelben Grundton 
eine merkwürdig unplastische Körperlichkeit ergeben; die 
hocherotische Sinnlichkeit von Sujet und Figurenver- 
schränkung wird so ästhetisch aufgehoben. Wie Giaco- 
metti in seinen Memoiren? andeutet, muss das Verhältnis 
zwischen seinen Eltern so schlimm gewesen sein — es 
endete mit Flucht und Internierung der Mutter, Alkoho- 
lismus des Vaters und Selbstmord des Bruders —, dass er 
zeitlebens eine engere Bindung vermied und ihm die 
Schönheit als heilende Kraft lebensnotwendig war. «Il faut 
faire de belles choses» — Grassets Maxime‘, die so sehr der 
lebensverschönernden Haltung des Jugendstils entsprach, 
erhielt so eine auch die Tiefen der dekorativen Oberfläche 
auslotende Dimension, die Giacomettis künstlerische 
Suche bis in die Farbenglut der Spätzeit leitete und zugleich 
gewisse menschliche Abgründe unverbrüchlich ver 
siegelte. 
Die Farbgebung von Adam und Ewa ist noch ökonomi- 
scher als in der Nacht, indem sie ganz von Schwarz, Gold 
und gedämpftem Gelb beherrscht wird; zugleich wird sie in 
ihrer Präsenz einerseits durch die Abstufungen gegen 
Rotbraun und Oliv gesteigert, noch entschiedener aber 
durch die fast reliefhafte Pastosität, die in Schlangenhaut 
und Baumrinde den haptischen Charakter der darge- 
stellten Materialien annimmt und so die Gegenständlich- 
keit des Artefaktes betont. Diese merkwürdige Engführung, 
die gegenüber älteren Ansätzen — etwa Kollers zottige 
Behandlung des Fells — etwas grundsätzlich Neues 
bedeutet, lässt sich einerseits aus dem dekorativen 
Charakter des Jugendstils verstehen, andererseits als ein 
kritisches Phinomen im Übergang vom illusionistischen 
zum absoluten Bildverständnis: die Farbmaterie nimmt die 
gegenständliche Wertigkeit des Dargestellten vollständig in 
sich auf, um im nächsten Schritt zum sich selbst darstel- 
lenden Inhalt zu werden. In den beiden grossen Nacht 
himmelbildern —den Fixsternen und dem Kreisen der Planeten 
wird diese Malweise zum Ausdruck des geisthaften Wesen 
dieser kosmischen Gestalten weiterentwickelt; mehrerere 
lasierende Schichten überlagern sich durchsichtig im tief- 
dunklen Raumgrund, während die Stilisierung der Figuren 
das direkte Eindringen der Formprinzipien der Pastell 
Abstraktionen in die grossen Gemälde ankündigen. 
Der neue Tondo Phaäthon im Zeichen des Skorpions* schliesst 
die Reihe dieser symbolistischen Kompositionen ab, von 
denen das Kunsthaus nun die Hälfte verwahrt. Er geht in 
der reicheren, differenzierteren Malweise und in der 
Aufwertung der Farbe gegenüber den linearen Elementen 
über die Sternbilder hinaus; der bald dicht, bald transluizid 
gespachtelte, tief blaue Nachthimmel beginnt durch seine 
Wolkigkeit zu atmen und sich in weite Räume zu öffnen, In 
denen aus unterschiedlichen Fernen die Sterne funkeln. 
Die Suche nach solchen Effekten führte Giacometti wenige 
Jahre später zu einem neuen, dunkelgrundigen Stil mit 
samtig weichen Übergängen und magisch irisierenden 
Farben; die Figur des Phaethon mit ihrer amorphen 
Mischung rostroter und resedagrüner Töne geht hierin am 
weitesten. Nicht von ungefähr schliesst das vielleicht 
entscheidende Übergangswerk, der kürzlich vom Bündner 
Kunstmuseum erworbene kleine Tondo Sernenhimmel von 
1917 unmittelbar an den Phaähon an. 
Aber nicht nur vom Farbauftrag, auch vom Konzept her 
kommt der Farbe ein neues Gewicht zu. Von den Pastellen, 
Aquarellen und späteren Gemälden kommend, übersieht 
man leicht, dass die symbolistischen Kompositionen 
Giacomettis in der Verwendung von starken Buntfarben 
sehr zurückhaltend sind. Die meisten baute er aus einer 
Hauptfarbe, der im Farbkreis angrenzenden Nebenfarbe - 
Blau mit Grün, Gelb mit Rot und Schwarz und Weiss auf. 
Erst im Kreisen der Planeten, das auch in seiner Struktur 
erstmals eine Einwirkung der Farbstudien auf ein grosses 
Bild sehen lässt, treten drei Buntfarben und ein 
Zwischenton grossflächig in Erscheinung; im Phaäthon 
verbindet er schliesslich die Primärfarben in leuchtende! 
Intensität mit geringeren Quanten Grün und Orange. Am
	        
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