Sammlung, eine träumerisch schwebende Gestalt, Botti-
celli näher als Hodler. Durch das Spiel der Grund-Muster-
Relationen werden die schweifenden Linien in flächige
Gestaltungen eingebunden; die Hell-Dunkel-Abstufungen
sind ganz in die Farbskala, von Schwarz-Blau bis Grün-
Weiss integriert und dienen keineswegs der Modellierung,
wie die geistreiche Ambivalenz in der gezielt antinaturali-
stischen Behandlung der unendlichen Schlaufe des Gürtel-
bandes mit dem italienischen Motto «Alles Lebende lobe
den Herrn» verdeutlicht. In Adam und Em — Augusto
begann damals im Aktzeichnen zu unterrichten — systema-
tisiert er die hier unvermeidliche Modellierung in zwei
flächigen Tonstufen, die mit dem hellgelben Grundton
eine merkwürdig unplastische Körperlichkeit ergeben; die
hocherotische Sinnlichkeit von Sujet und Figurenver-
schränkung wird so ästhetisch aufgehoben. Wie Giaco-
metti in seinen Memoiren? andeutet, muss das Verhältnis
zwischen seinen Eltern so schlimm gewesen sein — es
endete mit Flucht und Internierung der Mutter, Alkoho-
lismus des Vaters und Selbstmord des Bruders —, dass er
zeitlebens eine engere Bindung vermied und ihm die
Schönheit als heilende Kraft lebensnotwendig war. «Il faut
faire de belles choses» — Grassets Maxime‘, die so sehr der
lebensverschönernden Haltung des Jugendstils entsprach,
erhielt so eine auch die Tiefen der dekorativen Oberfläche
auslotende Dimension, die Giacomettis künstlerische
Suche bis in die Farbenglut der Spätzeit leitete und zugleich
gewisse menschliche Abgründe unverbrüchlich ver
siegelte.
Die Farbgebung von Adam und Ewa ist noch ökonomi-
scher als in der Nacht, indem sie ganz von Schwarz, Gold
und gedämpftem Gelb beherrscht wird; zugleich wird sie in
ihrer Präsenz einerseits durch die Abstufungen gegen
Rotbraun und Oliv gesteigert, noch entschiedener aber
durch die fast reliefhafte Pastosität, die in Schlangenhaut
und Baumrinde den haptischen Charakter der darge-
stellten Materialien annimmt und so die Gegenständlich-
keit des Artefaktes betont. Diese merkwürdige Engführung,
die gegenüber älteren Ansätzen — etwa Kollers zottige
Behandlung des Fells — etwas grundsätzlich Neues
bedeutet, lässt sich einerseits aus dem dekorativen
Charakter des Jugendstils verstehen, andererseits als ein
kritisches Phinomen im Übergang vom illusionistischen
zum absoluten Bildverständnis: die Farbmaterie nimmt die
gegenständliche Wertigkeit des Dargestellten vollständig in
sich auf, um im nächsten Schritt zum sich selbst darstel-
lenden Inhalt zu werden. In den beiden grossen Nacht
himmelbildern —den Fixsternen und dem Kreisen der Planeten
wird diese Malweise zum Ausdruck des geisthaften Wesen
dieser kosmischen Gestalten weiterentwickelt; mehrerere
lasierende Schichten überlagern sich durchsichtig im tief-
dunklen Raumgrund, während die Stilisierung der Figuren
das direkte Eindringen der Formprinzipien der Pastell
Abstraktionen in die grossen Gemälde ankündigen.
Der neue Tondo Phaäthon im Zeichen des Skorpions* schliesst
die Reihe dieser symbolistischen Kompositionen ab, von
denen das Kunsthaus nun die Hälfte verwahrt. Er geht in
der reicheren, differenzierteren Malweise und in der
Aufwertung der Farbe gegenüber den linearen Elementen
über die Sternbilder hinaus; der bald dicht, bald transluizid
gespachtelte, tief blaue Nachthimmel beginnt durch seine
Wolkigkeit zu atmen und sich in weite Räume zu öffnen, In
denen aus unterschiedlichen Fernen die Sterne funkeln.
Die Suche nach solchen Effekten führte Giacometti wenige
Jahre später zu einem neuen, dunkelgrundigen Stil mit
samtig weichen Übergängen und magisch irisierenden
Farben; die Figur des Phaethon mit ihrer amorphen
Mischung rostroter und resedagrüner Töne geht hierin am
weitesten. Nicht von ungefähr schliesst das vielleicht
entscheidende Übergangswerk, der kürzlich vom Bündner
Kunstmuseum erworbene kleine Tondo Sernenhimmel von
1917 unmittelbar an den Phaähon an.
Aber nicht nur vom Farbauftrag, auch vom Konzept her
kommt der Farbe ein neues Gewicht zu. Von den Pastellen,
Aquarellen und späteren Gemälden kommend, übersieht
man leicht, dass die symbolistischen Kompositionen
Giacomettis in der Verwendung von starken Buntfarben
sehr zurückhaltend sind. Die meisten baute er aus einer
Hauptfarbe, der im Farbkreis angrenzenden Nebenfarbe -
Blau mit Grün, Gelb mit Rot und Schwarz und Weiss auf.
Erst im Kreisen der Planeten, das auch in seiner Struktur
erstmals eine Einwirkung der Farbstudien auf ein grosses
Bild sehen lässt, treten drei Buntfarben und ein
Zwischenton grossflächig in Erscheinung; im Phaäthon
verbindet er schliesslich die Primärfarben in leuchtende!
Intensität mit geringeren Quanten Grün und Orange. Am