Beginn des Entwurfsprozesses steht entsprechend eine
farbige Ölstudie® in der die Figur ganz in Orange und
mehrere Gestirne in Gelb erscheinen; insbesondere ist hier
der Rahmen noch überwiegend Rot behandelt. Eine grosse
Bleistiftzeichnung® klärte anschliessend die Komposition,
die das Rotieren des Himmelswirbels, der Phaethon aus
seiner Bahn schleudert, veranschaulicht. Mehrere Tradi-
tionen fliessen hier zusammen: ins Rund eingeschriebene
Tierkreis-Zeichen, altgriechische dreibeinige Geschwindig-
keitssymbole, Fischblasen-Motive gotischer Masswerke.
Von hier wird es nur ein kleiner Schritt zu den Glasmale-
reien sein, mit denen Giacometti ab 1920 vor allem in
Zürich und Graubünden Kirchen schmücken wird.
Die besondere Bedeutung des Pha&hons wird aber erst
deutlich, wenn man Giacomettis programmatischen
Aufsatz «Die Farbe und ich» von 1933 liest’. Die ungewöhn-
liche Kreisform entspricht nicht nur der idealen Vorstel-
lung des Himmelsgewölbes und den Tondi der Florentiner
Frührenaissance, die Augusto so sehr bewunderte, sondern
bringt die Farbe Blau als die ihr kongruente Form am
besten zur Geltung, wie er aus Kandinskys «Über das
Geistige in der Kunst» referiert. Dazu treten, als die beiden
anderen Grundfarben, das Gelb der Gestirne und das Rot
der feurigen Sonnenpferde, die unter dem schwachen
Lenker aus der Bahn gestürmt sind und an das Firmament
stossen. Diesem harmonischen Dreiklang wird der aggres-
sive Komplementärkontrast von Rot und Grün einge-
schrieben, der Farbe des Sternbildes des drohenden Skor-
pions, das Phaethon vollends die Herrschaft über das
Gespann verlieren lässt. Das giftige Grün erschien aber
schon dem Knaben Augusto als die Farbe des Weltunter-
gangs; das Drehmoment der Spinne erfasst die Pferde und
lässt sie auf die Erde stürzen, auf der sie einen Weltenbrand
entzünden werden. Diesen elementaren Gewalten und der
strahlenden Intensität ihrer reinen Farben vermag der sterb-
liche Mensch in seinen erdverhafteten Mischtönen nicht
standzuhalten.
Nach Giacomettis Memoiren muss damals in den inter
nationalen spätsymbolistischen Künstlerkreisen in Florenz
eine merkwürdig esoterisch überhitzte Stimmung ge-
herrscht haben, die zwischen der «blauen», weltentrückten
Askese «klosterliebender Kunstbrüder»® in der Nachfolge
Fra Angelicos und der konträren Meinung, «rote
rauschende Sinnlichkeit sei doch das Schönste», hin und
her geschleudert wurde. Diese Spannung zwischen Trans-
zendenz und Sinnlichkeit geistert in ästhetisch verschlei-
erter Weise durch mehrere symbolistische Kompositionen.
durch den Traum, Contemplazione, Sinnlichkeit, Dado di panadıso.
Möglicherweise drängte sie auch in dem ganz auf den
Kontrast von Rot und Blau angelegten Tondo zum
Ausdruck. Phaethon, Sohn Apolls mit einer irdischen
Mutter, verlangt von dem Gott als Beweis seiner Vater-
schaft, ihm für einen Tag den Sonnenwagen anzuver-
trauen. Die von Ovid? meisterhaft erzählte Geschichte
gehört so zu den Mythen, in denen Menschen es Göttern
gleich tun wollen, — und ebendies hatte auch Augusto als
Musensohn im Sinne, strebte er doch danach, einen
Kosmos parallel zur Natur zu schöpfen und in dem von
ihm ausgehenden farbigen Licht erstrahlen zu lassen. Etwa
gleichzeitig malte er das faszinierende Selbstbildnis in
Genf, in dem er mitten in einer Kugel voller leuchtenden
Farben steht, und die zunächst studienartig kleinen Bilder,
in denen sich Blumenbeete in Mosaike spektralfarbiger
Teilchen verwandeln. In letzter Konsequenz verwirklicht
er in den abstrakten Gemälden einen autonomen, gegen-
standsfreien, bunten Kosmos. Die Spannung zwischen
Transzendenz und Sinnlichkeit vollendet sıch in der musi-
kalischen Einheit der Farbklänge; die Gitterstrukturen der
Farbstudien, aus denen die grossen abstrakten Komposi-
tionen erwachsen, tragen wie der Rhythmus eines Taktes
ihre Entfaltung in Fläche und Raum.
Christian Klemm
Anmerkungen
ı Zu diesem die neue, kunsthistorisch einen Grund legende Monogra:
phie von Beat Stutzer/Lutz Windhöfel: Augusto Giacometti, Leben und Werk,
Chur 1991, ferner für weitere Abbildungen und eine Werkliste Hans
Hartmann: Augwsto Giacometti, Chur 1981, und die frühe, schön geschrie-
bene Publikation von Erwin Poeschel: Aueusto Giacometti. Zürich 1928