SAMMLUNG
Zehn Jahre nachdem mit den grossen Werken von Kiefer,
Penck und Cucchi die neue figürlich expressive Malerei ins
Kunsthaus Einzug hielt, konnte in einem letzten Effort
dieser neue Sammlungsschwerpunkt mit einem weiteren
Hauptwerk von Georg Baselitz ergänzt und so zu einem
überzeugenden, weit ausstrahlenden Ganzen gerundet
werden. «Nachtessen in Dresden» ragte in unserer Retro-
spektive 1990 aus den zahlreich versammelten Meister-
werken als das vielleicht bedeutendste Gemälde heraus: die
Monumentalität der Komposition, die leuchtende Kühn-
heit der Farben und der malerischen Durchführung, der
Reichtum der inhaltlichen Bezüge vereinigen sich hier in
anvergleichlicher Dichte. Bereits anlässlich des Ankaufs
des Diptychons «Das Atelier» (1980) durch die Vereinigung
Zürcher Kunstfreunde 1989 bemühten wir uns deshalb um
dieses Gemälde, das damals aber als unverkäuflich ausge-
geben wurde. Als es nun erhältlich wurde, hiess es nach
Mitteln und Wegen zu suchen, die Gelegenheit wahrzu-
nehmen, die bereits vorzügliche Gruppe von Werken des
Künstlers mit einem solch zentralen Bild zu einzigartigem
Rang zu steigern. Nach einer hitzigen und gründlichen
Debatte bewilligte der Kantonsrat schliesslich einen
entscheidenden Beitrag aus dem von Lotteriegeldern
gespiesenen Fonds für gemeinnützige Zwecke. Georg Base-
litz, der nun sein Werk nirgends so gut wie im Kunsthaus
Zürich vertreten sieht, schenkte aus Freude und Anerken-
nung ein besonders dichtes Gemälde aus seiner jüngsten
Serie, «Volkstanz III», und versprach überdies, das
Ensemble mit seiner nächsten «brauchbaren» Skulptur zu
ergänzen.
Im Rahmen des Beschlusses des Kantonsrates trat die
Kunstgesellschaft das Eigentum an vierzehn antiken Skulp-
turen an die Archäologische Sammlung der Universität ab,
wo sie seit deren Neueinrichtung 1984 gezeigt werden und
die älteren Bestände sinnvoll ergänzen. Die Idee, die
Sammlung des Kunsthauses in die antike Welt auszu-
weiten, war von einer in der Nachkriegszeit verbreiteten
Vorstellung der «Weltkunst» getragen, die mit den Avant-
garde-Strömungen seit dem Kubismus verbunden war und
z. B. in der Sammlung von der Heydt im Rietberg-Museum
und in Wuppertal einen grossartigen Ausdruck fand. Doch
die Basis des Kunsthauses erwies sich als zu schmal, um
einen solchen Anspruch angemessen zu verwirklichen.
Seither rückte diese idealistisch formalistische Betrach-
tungsweise zugunsten eines kulturanthropologischen
Verständnisses in den Hintergrund, das die Kunstwerke
eher aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen zu
ergründen sucht.
Nachdem nun der Aufbau des neuen Sammlungs-
schwerpunktes zu einem vorläufigen Abschluss gekommen
war, musste ihm der nötige Rahmen geschaffen werden.
Unsere Bemühungen, den Erweiterungsbau von 1976
behutsam dem musealen Bedürfnis nach klaren, die Werke
ohne Ablenkung zur Geltung bringenden Situationen
anzupassen, setzten wir mit dem Einbau von Wänden
unter dem Sprung der Deckenkonstruktion vom ersten
zum zweiten Obergeschoss fort. Dahinter entstand ein
grosszügiger Raum, in dem sich die Werkgruppen von
Baselitz, Penck, Kiefer und Merz über Erwarten gut
einfügten. In einem kleinen Festakt wurde der neue Saal am
3. Oktober der Öffentlichkeit in Gegenwart des Künstlers
vorgestellt.
Die Werke Alberto Giacomettis wurden in das oberste
Geschoss des Erweiterungsbau übertragen, wo sie sinnvoll
an die Gemälde Picassos und die klassische Moderne
anschliessen. Da ein grosser Teil der Bestände der
Giacometti-Stiftung nach Paris und Tampere ausgeliehen
sind, kann die definitive Einrichtung erst im nächsten
Sommer erfolgen. In dem bis dahin nicht benötigten
Raum installierte Miriam Cahn vom 6. September bis zum
9. Dezember die umfangreiche Gruppe von Zeichnungen
«1 weiblicher Monat», die von der Vereinigung Zürcher
Kunstfreunde zusammen mit einem besonders poetischen
und evokativen «Bienenwachshaus» von Wolfgang Laib
erworben wurde. Anschliessend zeigten wir die Photogra-
phien von Constantin Brancusi, die Frau Clay-Giedion
und Herr Prof. Dr. Giedion 1986 zur Erinnerung an ihre
Mutter Frau Carola Giedion-Welcker geschenkt hatten.
Eine Accrochage von Gemälden Varlins aus der Samm-
lung, ergänzt durch ein Bildnis von Friedrich Dürrenmatt